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WARUM NEHME ICH PLÖTZLICH NICHT MEHR AB – OBWOHL ICH NICHTS ANDERS MACHE?

Ich wusste, dass dieser Moment irgendwann kommen würde. Trotzdem nervt er mich.

Die Waage bewegt sich kaum.

Keine Katastrophe, keine plötzliche Gewichtszunahme und auch kein heimlicher nächtlicher Überfall auf den Kühlschrank. Ich mache im Grunde genau das, womit ich in den vergangenen Monaten erfolgreich war. Ich esse anders als früher, achte auf meine Struktur, nehme mein Glyck und versuche weiterhin, mit meiner Ernährung ein vernünftiges Kaloriendefizit zu erreichen.

Und trotzdem schaue ich morgens auf eine Zahl, die mir seit einigen Tagen erstaunlich bekannt vorkommt.

Natürlich begann mein Kopf sofort zu arbeiten. Muss ich weniger essen? Mehr Sport machen? Glyck anders einsetzen? Habe ich irgendwo wieder angefangen, mir selbst etwas vorzumachen?

Bevor ich aus lauter Aktionismus mein komplettes Konzept umwerfe, habe ich Arlett angerufen.

Sie hörte sich meine Beschreibung an und fragte als Erstes: „Von welchem Zeitraum sprechen wir eigentlich?“

„Ein paar Tage.“

Es entstand diese kurze Pause, bei der ich inzwischen schon weiß, dass gleich etwas kommt, das mir wahrscheinlich nicht gefällt.

„Nicole, dein Körper hat keinen eingebauten Tagesabschluss für deine Waage.“

Das war natürlich wieder typisch Arlett. Aber sie erklärte mir anschließend, was sie damit meinte.

Wir neigen beim Abnehmen dazu, zwei Dinge gleichzusetzen: Körpergewicht und Körperfett. Dabei zeigt eine normale Waage zunächst einmal das gesamte Gewicht an. Und das kann sich verändern, ohne dass sich unsere Fettmasse im gleichen Umfang verändert. Wie viel Flüssigkeit der Körper gerade enthält, wie viel wir gegessen und getrunken haben, Verdauung, körperliche Aktivität und bei Frauen auch hormonelle Veränderungen können die Anzeige beeinflussen.

Deshalb kann das Gewicht kurzfristig stehen bleiben oder sogar steigen, obwohl man seine Ernährung nicht grundsätzlich verändert hat.

Das war der Moment, in dem ich mich ein wenig entspannte.

Bis Arlett den nächsten Satz hinterherschob.

„Das heißt allerdings nicht, dass jedes Plateau bedeutungslos ist.“

Natürlich nicht.

Wenn sich über einen längeren Zeitraum tatsächlich nichts mehr verändert, muss man genauer hinschauen. Denn auch der Energiebedarf bleibt während einer Gewichtsabnahme nicht zwangsläufig identisch. Ein leichterer Körper benötigt unter vergleichbaren Bedingungen tendenziell weniger Energie als ein schwererer. Außerdem schleichen sich im Alltag erstaunlich leicht kleine Veränderungen ein. Portionen werden wieder etwas größer, hier kommt etwas hinzu, dort bewegt man sich weniger – und aus dem früheren Kaloriendefizit kann allmählich eine ausgeglichene Energiebilanz werden.

Später habe ich Marco von meinem kleinen Waagenfrust erzählt. Seine Reaktion war eine völlig andere.

„Und was willst du jetzt machen?“

Ich begann sofort aufzuzählen. Ernährung überprüfen, vielleicht weniger essen, Bewegung erhöhen …

Er unterbrach mich.

„Warum möchtest du wegen ein paar Tagen ein System verändern, das über Monate funktioniert hat?“

Das saß.

Denn genau das war früher eines meiner Probleme. Sobald die Waage nicht das tat, was ich erwartete, änderte ich irgendetwas. Noch weniger Kohlenhydrate. Frühstück weglassen. Neue Diät. Mehr Verzicht. Irgendwann wusste ich selbst nicht mehr, was eigentlich funktionieren sollte.

Diesmal möchte ich es anders machen.

Auch Glyck muss wegen einer kurzfristig unveränderten Zahl nicht plötzlich eine andere Aufgabe bekommen. Für mich gehört es zu der Ernährungsstruktur, die ich mir aufgebaut habe. Es ersetzt weder das notwendige Kaloriendefizit noch kann es dafür sorgen, dass mein Körpergewicht jeden Morgen zuverlässig ein paar Gramm niedriger liegt.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Lektionen, die ich inzwischen gelernt habe: Ein Abnehmkonzept muss nicht jeden Morgen beweisen, dass es funktioniert.

Viel wichtiger ist die Entwicklung über einen längeren Zeitraum.

Deshalb werde ich jetzt nicht anfangen, jeden Tag weniger zu essen oder mich dreimal täglich auf die Waage zu stellen. Ich werde beobachten. Meine Ernährung ehrlich überprüfen. Weiter auf meine Bewegung achten. Und erst dann gemeinsam mit Arlett und Marco überlegen, ob überhaupt etwas angepasst werden muss.

Vor einigen Monaten hätte mich so eine Phase wahrscheinlich verrückt gemacht.

Heute nervt sie mich immer noch.

Aber das darf sie auch.

Ich muss schließlich nicht jeden Morgen gewinnen, um am Ende mein Ziel zu erreichen.