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ICH HABE MEIN GLYCK VERGESSEN – UND AUSGERECHNET DAS WURDE INTERESSANT

Heute Morgen lief alles gleichzeitig. Ich war spät dran, hatte mehrere Dinge im Kopf und bin irgendwann einfach los. Eigentlich nichts Außergewöhnliches. Solche Tage kennt wahrscheinlich jeder. Erst am Nachmittag fiel mir auf, dass ich etwas vergessen hatte: mein Glyck.

Mein erster Gedanke war nicht besonders tiefgründig. Eher ein etwas genervtes: „Na toll.“

Interessanter wurde es erst, als ich über den bisherigen Tag nachdachte. Mir war nämlich schon vorher aufgefallen, dass ich ungewöhnlich häufig ans Essen gedacht hatte. Nicht mit einem riesigen Hunger und auch nicht mit einer dieser Heißhungerattacken, bei denen man am liebsten sofort den Kühlschrank ausräumen möchte. Es war viel unscheinbarer. Dieses kleine „Was könnte ich jetzt essen?“ tauchte einfach häufiger auf. Ein Gedanke, den ich aus meinem früheren Alltag ziemlich gut kenne und den ich in den letzten Monaten deutlich seltener wahrgenommen hatte.

Natürlich war meine erste Reaktion sofort: Das liegt daran, dass ich heute kein Glyck genommen habe.

Und natürlich war meine zweite Reaktion: Arlett anrufen.

Inzwischen kennt sie diese Gespräche. Ich komme mit einer vermeintlich großartigen Erkenntnis um die Ecke und sie übernimmt zuverlässig die Aufgabe, meine Euphorie wieder ein wenig mit Pharmazie zu vermischen.

„Nicole, ein Tag ist noch keine wissenschaftliche Studie“, sagte sie und lachte.

Ja, danke, Arlett.

Aber natürlich hatte sie recht. Ob wir Hunger haben, Appetit bekommen oder plötzlich Lust auf etwas Bestimmtes verspüren, hängt nicht von einem einzigen Faktor ab. Es spielt eine Rolle, was wir vorher gegessen haben, wie gut wir geschlafen haben, wie stressig der Tag ist, welche Gewohnheiten wir haben und manchmal schlicht, ob uns gerade jemand mit einem Stück Kuchen vor der Nase vorbeiläuft. Aus einem einzigen Tag kann ich deshalb unmöglich ableiten, dass Glyck allein für den Unterschied verantwortlich war.

Trotzdem fand Arlett meine Beobachtung interessant. Nur aus einem anderen Grund.

Wir sprachen darüber, wie sehr sich mein Alltag inzwischen verändert hat. Glyck steht morgens nicht mehr als „Diätprodukt“ vor mir, über das ich jedes Mal nachdenke. Es gehört mittlerweile zu einem Ablauf, den ich mir aufgebaut habe. Genauso wie ich heute bewusster esse, mehr trinke und darauf achte, nicht ständig irgendwelche Zwischenmahlzeiten einzuschieben. Viele dieser Dinge muss ich nicht mehr jeden Morgen neu beschließen. Ich mache sie einfach.

Genau deshalb hat mich dieser vergessene Morgen wahrscheinlich so beschäftigt. Er erinnerte mich daran, wie mein Alltag früher aussah. Damals waren Gedanken ans Essen völlig normal. Vormittags überlegen, was es mittags gibt. Nachmittags überlegen, was man zwischendurch essen könnte. Abends essen und danach trotzdem noch einmal schauen, was im Schrank liegt. Ich habe das lange überhaupt nicht als Problem wahrgenommen, weil es eben mein Normalzustand war.

Heute ist dieser Normalzustand ein anderer geworden.

Später habe ich auch Marco davon erzählt. Bei ihm bekam die Geschichte erwartungsgemäß noch einmal eine andere Perspektive. Schließlich vertreibt er Glyck und beschäftigt sich entsprechend intensiv damit, wie das Konzept in einen normalen Tagesablauf passen soll. Für ihn war ausgerechnet das Vergessen interessant, weil es zeigte, dass Glyck bei mir inzwischen nicht mehr im Mittelpunkt steht.

Zuerst verstand ich nicht, warum ausgerechnet das positiv sein sollte.

Dann erklärte er, was er meinte: Wenn man jeden Morgen darüber nachdenken muss, dass man gerade „abnimmt“, bleibt Abnehmen ein Projekt. Wenn bestimmte Abläufe irgendwann selbstverständlich werden, beginnt daraus eine Gewohnheit zu entstehen.

Das gefiel mir.

Denn genau dort möchte ich hin.

Ich möchte nicht morgens aufstehen und den ganzen Tag eine Frau sein, die gerade auf Diät ist. Ich möchte morgens aufstehen und mein Leben leben. Mit einer Ernährung, die zu meinem Ziel passt, mit ausreichend Bewegung, mit einem vernünftigen Kaloriendefizit, solange ich noch Gewicht verlieren möchte – und mit Glyck als Unterstützung innerhalb dieser Struktur.

Heute habe ich Glyck vergessen.

Morgen werde ich wieder daran denken.

Aber vielleicht war ausgerechnet dieser vergessene Tag eine ziemlich gute Erinnerung daran, wie viel sich inzwischen verändert hat.