„Nicole, vermisst du eigentlich nichts?“
Nach meinem letzten Beitrag bekam ich eine Nachricht, die zwischen vielen anderen zunächst gar nicht besonders auffiel. Es war nur ein kurzer Satz.
„Nicole, vermisst du eigentlich nichts?“
Ich musste die Nachricht zweimal lesen, weil ich im ersten Moment automatisch an bestimmte Lebensmittel dachte. Pizza. Schokolade. Ein großes Stück Kuchen oder das gemütliche Essen beim Italiener. Wahrscheinlich hätte ich diese Frage vor einem Jahr genau so verstanden und sofort beantwortet.
Heute habe ich gemerkt, dass sie viel tiefer geht.
Denn wenn ich ehrlich bin, vermisse ich die meisten Lebensmittel überhaupt nicht.
Natürlich esse ich heute anders als früher. Bewusster, strukturierter und mit einem klaren Ziel vor Augen. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, ständig auf etwas verzichten zu müssen. Viel schwieriger war für mich etwas ganz anderes.
Ich musste lernen, mich von Gewohnheiten zu verabschieden.
Früher hatte Essen in meinem Alltag viele Aufgaben übernommen, mit Hunger hatte das oft gar nichts zu tun. Nach einem stressigen Tag war es eine Belohnung. Bei Langeweile war es Beschäftigung. Wenn ich müde war, hoffte ich auf einen schnellen Energieschub. Und wenn ich einen schönen Abend hatte, gehörte etwas Leckeres einfach dazu.
Je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass ich nicht gegen Lebensmittel kämpfen musste. Ich musste verstehen, warum ich sie in bestimmten Momenten überhaupt brauchte.
Darüber habe ich mit Arlett gesprochen.
Sie hörte sich meine Gedanken an und sagte einen Satz, den ich sofort aufgeschrieben habe.
„Die meisten Menschen vermissen nicht das Essen. Sie vermissen das Gefühl, das sie mit dem Essen verbunden haben.“
Dieser Gedanke hat mich noch lange beschäftigt.
Denn genau so war es bei mir.
Ich vermisste keine Schokolade.
Ich vermisste den Moment, in dem ich nach einem anstrengenden Tag das Gefühl hatte, mir etwas Gutes zu tun.
Ich vermisste keine Chips.
Ich vermisste den gemütlichen Fernsehabend, bei dem sie einfach immer dazugehört hatten.
Erst als ich das verstanden hatte, wurde mir klar, warum viele Diäten scheitern. Sie nehmen den Menschen Lebensmittel weg, ersetzen aber nicht die Gewohnheiten, die dahinterstehen.
Genau deshalb fühlt sich mein Weg heute anders an.
Natürlich spielt Ernährung eine große Rolle. Natürlich brauche ich ein Kaloriendefizit, wenn ich weiter abnehmen möchte. Aber inzwischen weiß ich auch, dass ich mein Leben nicht dauerhaft verändern kann, wenn ich nur die Speisen austausche und alle alten Routinen unverändert lasse.
Ich habe begonnen, mir neue Rituale zu schaffen. Ein Spaziergang statt des Gangs zum Kühlschrank. Ein Glas Wasser und ein kurzer Moment zum Durchatmen, wenn der Stress zu groß wird. Gespräche mit Marco oder Arlett, wenn ich merke, dass ich wieder in alte Denkmuster zurückfalle.
Auch Glyck ist für mich inzwischen Teil dieser neuen Struktur geworden. Nicht weil dadurch plötzlich alle Probleme verschwinden, sondern weil es mir hilft, die Phasen zu überbrücken, in denen früher fast automatisch etwas zu essen auf dem Tisch gestanden hätte.
Wenn mich heute also jemand fragt, ob ich etwas vermisse, lautet meine Antwort:
Ja.
Ich vermisse manchmal die Einfachheit meiner alten Gewohnheiten.
Aber ich vermisse nicht mehr die Frau, die ich damals war.
Und das ist wahrscheinlich die schönste Veränderung, die ich auf diesem Weg bisher erleben durfte.