ABNEHMEN UND SCHLECHTES GEWISSEN: WARUM ES UNS SO SCHWERFÄLLT, AN UNS SELBST ZU DENKEN
Neulich wollte ich einfach nur eine halbe Stunde spazieren gehen. Das Wetter war schön, ich hatte meine Arbeit erledigt und eigentlich gab es keinen vernünftigen Grund, nicht nach draußen zu gehen. Trotzdem stand ich noch eine ganze Weile in der Küche und überlegte, ob ich nicht lieber die Spülmaschine ausräumen, die Wäsche zusammenlegen oder schon einmal etwas für das Abendessen vorbereiten sollte.
Dabei hatte mich niemand darum gebeten.
Niemand hatte gesagt, dass ich zu Hause bleiben müsste. Niemand hatte sich darüber beschwert, dass ich mir Zeit für mich nehmen wollte. Das schlechte Gewissen war ganz von allein gekommen.
Ich zog meine Schuhe schließlich trotzdem an. Während ich die ersten Meter ging, dachte ich allerdings noch darüber nach, was ich in dieser halben Stunde alles hätte erledigen können.
Irgendwann musste ich über mich selbst lachen.
Ich versuche gerade, gesünder zu leben, Gewicht zu verlieren und mich mehr zu bewegen. Eigentlich müsste ich mich doch darüber freuen, dass ich endlich etwas für mich tue. Stattdessen fühle ich mich manchmal, als müsste ich mich dafür entschuldigen.
Als ich Arlett davon erzählte, fragte sie mich, ob ich dieses Gefühl eigentlich nur beim Abnehmen hätte.
Natürlich nicht.
Und damit waren wir plötzlich bei einem Thema, das wesentlich größer ist als die Frage, wie viele Schritte ich am Tag zurücklege.
Warum wir uns selbst so häufig an die letzte Stelle setzen
Es gibt Menschen, die können sich ganz selbstverständlich Zeit für sich nehmen. Sie gehen zum Sport, treffen Freunde, lesen ein Buch oder machen einfach einmal nichts. Sie müssen sich dafür weder rechtfertigen noch innerlich eine Liste abarbeiten, auf der zunächst sämtliche Verpflichtungen erledigt sein müssen.
Ich gehöre offenbar nicht immer dazu.
Wenn ich an meine Familie denke, fallen mir sofort Dinge ein, die organisiert, erledigt oder berücksichtigt werden müssen. Im Beruf ist es ähnlich. Termine, Aufgaben, Erwartungen und Menschen, die etwas brauchen. Vieles davon ist wichtig, manches dringend und einiges gehört einfach zum Leben.
Nur gibt es dabei ein Problem: Diese Liste wird niemals vollständig abgearbeitet sein.
Kaum ist die Wäsche erledigt, wartet der Einkauf. Ist der Einkauf geschafft, fällt einem ein Termin ein. Und wenn tatsächlich einmal alles ruhig ist, findet sich erstaunlich zuverlässig noch irgendeine Kleinigkeit, die man ebenfalls erledigen könnte.
Wer seine eigenen Bedürfnisse grundsätzlich erst dann berücksichtigt, wenn alles andere abgeschlossen ist, wird deshalb möglicherweise sehr lange warten.
Psychologisch hat das auch mit den Rollen zu tun, die wir im Laufe unseres Lebens übernehmen. Wir möchten zuverlässig sein, Verantwortung tragen und für andere da sein. Solche Eigenschaften sind wertvoll. Schwierig wird es erst, wenn wir daraus die unausgesprochene Regel machen, dass unsere eigenen Bedürfnisse grundsätzlich weniger wichtig sind.
Dann fühlt sich selbst eine halbe Stunde Bewegung plötzlich wie eine Pflichtverletzung an.
Warum Abnehmen mehr Zeit braucht, als wir zunächst glauben
Als ich mit Glyck angefangen habe, dachte ich vor allem an meine Ernährung. Ich wollte meine Gewohnheiten verändern, bewusster essen und mein Gewicht reduzieren. Das klang zunächst nach einer Aufgabe, die sich hauptsächlich in der Küche abspielen würde.
Tatsächlich verändert sich aber mehr.
Ich beschäftige mich damit, was ich einkaufe. Ich plane manche Mahlzeiten bewusster und versuche, nicht erst dann über mein Essen nachzudenken, wenn ich bereits hungrig vor dem Kühlschrank stehe. Außerdem möchte ich mich regelmäßig bewegen, ausreichend schlafen und mir Zeit nehmen, um neue Gewohnheiten überhaupt einüben zu können.
Das alles benötigt Aufmerksamkeit.
Nicht unbedingt riesige Mengen an Zeit, aber doch mehr, als ich früher dafür aufgewendet habe.
Arlett erklärte mir, dass gerade diese alltäglichen Rahmenbedingungen beim Abnehmen häufig unterschätzt werden. Eine Gewichtsreduktion hängt nicht nur von einer rechnerischen Energiebilanz ab. Auch Schlaf, Stress, Essgewohnheiten, körperliche Aktivität und die Frage, wie gut sich Veränderungen langfristig in den Alltag integrieren lassen, spielen eine Rolle.
Ein Ernährungsplan kann noch so durchdacht sein. Wenn ich ständig unter Zeitdruck stehe, Mahlzeiten nebenbei esse und abends erschöpft auf dem Sofa lande, wird es schwieriger, neue Gewohnheiten dauerhaft beizubehalten.
Das bedeutet nicht, dass man für eine erfolgreiche Gewichtsreduktion jeden Tag stundenlang Sport treiben oder sein gesamtes Leben umorganisieren müsste. Im Gegenteil. Meistens sind es überschaubare Veränderungen, die sich langfristig bewähren.
Aber selbst für kleine Veränderungen muss ich mir einen gewissen Raum zugestehen.
Und genau damit tue ich mich manchmal schwer.
Ist Selbstfürsorge wirklich Egoismus?
Egoismus ist ein ziemlich unangenehmes Wort.
Es klingt nach Rücksichtslosigkeit, nach Menschen, die ausschließlich ihre eigenen Interessen verfolgen und denen vollkommen gleichgültig ist, was andere brauchen.
So möchte ich natürlich nicht sein.
Aber ist es bereits egoistisch, wenn ich mir Zeit für einen Spaziergang nehme? Wenn ich früher schlafen gehe, obwohl noch etwas im Haushalt zu erledigen wäre? Wenn ich ein gemeinsames Essen etwas anders gestalte, weil ich gerade versuche, meine Ernährung zu verändern?
Wahrscheinlich nicht.
Arlett machte mich auf einen wichtigen Unterschied aufmerksam: Selbstfürsorge bedeutet nicht, dass die Bedürfnisse anderer Menschen unwichtig werden. Sie bedeutet zunächst nur, die eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen und angemessen zu berücksichtigen.
Das klingt einfacher, als es im Alltag manchmal ist.
Denn natürlich gibt es Situationen, in denen andere Menschen tatsächlich Vorrang haben. Wenn ein Kind krank ist, kann ich nicht einfach darauf bestehen, dass jetzt meine persönliche Sportstunde beginnt. Wenn ein Angehöriger dringend Hilfe braucht, lässt sich nicht jede Verpflichtung verschieben.
Selbstfürsorge bedeutet deshalb auch nicht, jederzeit alles stehen und liegen zu lassen.
Es geht vielmehr darum, nicht aus jeder gewöhnlichen Aufgabe automatisch einen Grund zu machen, die eigenen Vorhaben wieder abzusagen.
Die Spülmaschine kann meistens auch eine halbe Stunde später ausgeräumt werden.
Mein Spaziergang dagegen fällt möglicherweise ganz aus, wenn ich ihn immer wieder verschiebe.
Das schlechte Gewissen entsteht oft schon im eigenen Kopf
Besonders interessant finde ich inzwischen, dass andere Menschen meine Entscheidungen häufig viel weniger kritisch betrachten, als ich selbst vermute.
Wenn ich sage, dass ich noch eine Runde gehen möchte, reagiert meine Familie meistens vollkommen entspannt. Niemand erwartet eine ausführliche Begründung. Niemand verlangt, dass ich vorher sämtliche Aufgaben erledige.
Den Druck mache ich mir selbst.
Warum eigentlich?
Ein möglicher Grund sind verinnerlichte Erwartungen. Wer über viele Jahre gelernt hat, sich vor allem über Leistung, Zuverlässigkeit und Fürsorge für andere zu definieren, kann Schwierigkeiten damit haben, eigene Bedürfnisse gleichberechtigt zu behandeln.
Dann genügt schon der Gedanke, etwas für sich selbst zu tun, um das Gefühl auszulösen, eine andere Aufgabe zu vernachlässigen.
Hinzu kommt eine merkwürdige Vorstellung von Produktivität. Wir bewerten Zeit häufig danach, ob am Ende etwas sichtbar erledigt wurde. Ein aufgeräumtes Wohnzimmer ist ein Ergebnis. Ein abgearbeiteter Stapel Unterlagen ebenfalls.
Eine halbe Stunde Bewegung hinterlässt dagegen keinen frisch geputzten Fußboden.
Trotzdem kann sie sinnvoll sein.
Regelmäßige körperliche Aktivität unterstützt unter anderem die Herz-Kreislauf-Gesundheit, den Stoffwechsel und das psychische Wohlbefinden. Sie kann helfen, Stress abzubauen und im Rahmen eines geeigneten Gesamtkonzepts das Gewichtsmanagement unterstützen.
Dass man diese Wirkungen nicht unmittelbar auf einer erledigten Aufgabenliste abhaken kann, macht sie nicht weniger wertvoll.
Warum Stress das Abnehmen zusätzlich erschweren kann
Über Stress wird im Zusammenhang mit dem Abnehmen viel gesprochen. Leider wird dabei gelegentlich so getan, als sei Stress automatisch die Erklärung für jedes zusätzliche Kilogramm.
So einfach ist es nicht.
Stress führt nicht bei jedem Menschen zu einer Gewichtszunahme. Manche Menschen essen in belastenden Phasen mehr, andere weniger. Auch die Auswirkungen auf Schlaf, Bewegung und Alltagsverhalten unterscheiden sich erheblich.
Trotzdem kann dauerhafte Belastung eine Gewichtsreduktion erschweren.
Wer schlecht schläft, wenig Zeit hat und ständig unter Druck steht, trifft Ernährungsentscheidungen häufig unter ungünstigen Bedingungen. Regelmäßige Mahlzeiten werden verschoben, Bewegung fällt aus und am Abend fehlt möglicherweise die Energie, um sich noch mit einer ausgewogenen Ernährung zu beschäftigen.
Das ist keine Frage mangelnder Willenskraft allein.
Unser Verhalten entsteht schließlich nicht unabhängig von den Bedingungen, unter denen wir leben.
Arlett findet deshalb wichtig, beim Abnehmen nicht ausschließlich darüber zu sprechen, was jemand essen sollte. Genauso relevant ist manchmal die Frage, warum es im Alltag so schwerfällt, die gewünschten Veränderungen umzusetzen.
Wenn ich mir für meine Gesundheit grundsätzlich keine Zeit zugestehe, wird auch das beste Ernährungskonzept irgendwann an Grenzen stoßen.
Das ist kein Argument dafür, sämtliche Verpflichtungen über Bord zu werfen.
Aber vielleicht eines dafür, die eigenen Prioritäten gelegentlich zu überprüfen.
Ich möchte nicht, dass meine Familie für meine Diät leben muss
Bei aller Begeisterung für neue Gewohnheiten gibt es allerdings auch eine andere Seite.
Ich möchte nicht, dass sich plötzlich das gesamte Familienleben ausschließlich um mein Abnehmen dreht.
Wenn ich meine Ernährung verändere, bedeutet das nicht automatisch, dass alle anderen dieselben Lebensmittel essen, auf Nachtisch verzichten oder ihre Tagesabläufe nach meinen Vorstellungen gestalten müssen.
Natürlich kann es sinnvoll sein, gemeinsam gesündere Gewohnheiten zu entwickeln. Zusammen zu kochen, spazieren zu gehen oder sich gegenseitig zu unterstützen, kann sogar sehr schön sein.
Aber Unterstützung funktioniert nicht besonders gut, wenn sie zur Verpflichtung wird.
Das gilt auch für mich.
Ich muss nicht jeden gemeinsamen Abend in eine Diskussion über Ernährung verwandeln. Ich möchte nicht ständig Kalorien kommentieren oder anderen erklären, was sie besser essen sollten.
Glyck begleitet meinen Weg. Es ist kein Familiengesetz.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung darin, meine Ziele ernst zu nehmen, ohne sie zum Mittelpunkt aller gemeinsamen Entscheidungen zu machen.
Das verlangt gelegentlich Kompromisse. Und manchmal auch die Bereitschaft, nicht alles perfekt umzusetzen.
Denn ein gesünderes Leben sollte am Ende nicht dazu führen, dass ich mich nur noch mit Regeln, Verzicht und Selbstkontrolle beschäftige.
Warum kleine Freiräume oft mehr verändern als große Vorsätze
Nach unserem Gespräch habe ich beschlossen, etwas anders zu machen.
Ich werde nicht versuchen, mir jeden Tag eine zusätzliche Stunde freizuschaufeln. Dafür ist mein Alltag zu unterschiedlich. Stattdessen möchte ich genauer darauf achten, wo ich mir selbst unnötig im Weg stehe.
Wenn ich eine halbe Stunde spazieren gehen möchte, muss vorher nicht zwingend die gesamte Wohnung aufgeräumt sein. Wenn ich mir Zeit für ein vernünftiges Mittagessen nehme, ist das keine verschwendete Arbeitszeit. Und wenn ich abends müde bin, darf ich gelegentlich einfach früher ins Bett gehen.
Natürlich gelingt mir das nicht immer.
Manchmal werde ich weiterhin zuerst an die Dinge denken, die noch erledigt werden müssen. Manchmal wird der Spaziergang ausfallen. Und manchmal werde ich meine eigenen Bedürfnisse vermutlich wieder ein Stück zu weit nach hinten schieben.
Aber vielleicht muss ich auch hier nicht perfekt sein.
Ich möchte nur aufhören, jede Entscheidung für mich selbst innerlich wie einen kleinen Regelverstoß zu behandeln.
Vielleicht darf ich mir selbst genauso wichtig sein wie andere
Neulich bin ich wieder spazieren gegangen.
Diesmal hatte ich vorher nicht die Spülmaschine ausgeräumt. Die Wäsche lag ebenfalls noch da, wo sie vorher gelegen hatte. Als ich nach Hause kam, war nichts davon verschwunden.
Es war aber auch nichts Schlimmes passiert.
Ich hatte mich bewegt, frische Luft bekommen und eine halbe Stunde lang nicht darüber nachgedacht, was ich als Nächstes erledigen müsste.
Vielleicht war genau das der eigentliche Erfolg dieses Tages.
Als ich angefangen habe abzunehmen, wollte ich vor allem leichter werden. Inzwischen merke ich, dass ich dafür nicht nur meine Ernährung verändern muss. Ich muss auch lernen, mir selbst etwas mehr Platz in meinem Leben einzuräumen.
Nicht auf Kosten aller anderen.
Aber auch nicht immer erst dann, wenn alle anderen versorgt sind.
Denn wenn ich meine Gesundheit dauerhaft ernst nehmen möchte, kann ich sie nicht ausschließlich in die Zeit verschieben, die am Ende eines anstrengenden Tages zufällig übrig bleibt.
Vielleicht ist es gar nicht egoistisch, sich selbst wichtig zu nehmen. Vielleicht ist es einfach notwendig.