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MUSS ICH EIGENTLICH JEDEN TAG VERNÜNFTIG SEIN?

Es war ein Stück Kuchen.

Nicht einmal ein besonders spektakuläres. Keine dreistöckige Sahnetorte mit Schokoladenüberzug und geschätzten 14.000 Kalorien, sondern ein vollkommen normales Stück Kuchen zu einem vollkommen normalen Kaffee.

Und trotzdem saß dieser kleine Kuchen vor mir, als hätte er persönlich beschlossen, meine bisherigen Bemühungen beim Abnehmen zunichtezumachen.

Ich kannte dieses Gefühl schon von früher. Solange ich mich an meinen Plan hielt, war alles gut. Dann war ich diszipliniert, vernünftig und irgendwie auch ein bisschen stolz auf mich. Sobald etwas dazwischenkam, änderte sich die Bewertung erstaunlich schnell. Restaurant, Geburtstag, ein Glas Wein, Pommes oder eben Kuchen – und plötzlich fühlte sich der Tag nicht mehr richtig an.

Früher hätte ich wahrscheinlich gedacht: Jetzt ist es sowieso egal.

Heute denke ich anders darüber.

Nicht, weil Kuchen plötzlich keine Kalorien mehr hätte. Leider konnte selbst Arlett mir diese medizinische Sensation bislang nicht bestätigen. Sondern weil ich inzwischen verstanden habe, dass zwischen einem einzelnen Stück Kuchen und meinem grundsätzlichen Lebensstil ein ziemlich großer Unterschied liegt.

Mein Körper kennt keine guten und schlechten Tage

Als ich Arlett davon erzählte, sagte sie sinngemäß etwas, das mir hängen geblieben ist: Mein Körper führt keine moralische Strichliste darüber, ob ich am Dienstag vernünftig gewesen bin.

Das klingt zunächst banal. Tatsächlich steckt darin aber etwas, womit ich mich beim Abnehmen ziemlich lange schwergetan habe.

Natürlich entscheidet die Energiebilanz darüber mit, ob ich Gewicht verliere, halte oder zunehme. Wer dauerhaft mehr Energie aufnimmt, als er verbraucht, wird nicht deshalb abnehmen, weil die Lebensmittel besonders gesund ausgewählt wurden. Umgekehrt verändert ein einzelnes energiereicheres Essen aber auch nicht schlagartig alles, was ich über Wochen aufgebaut habe.

Das Problem beginnt häufig im Kopf.

Wir teilen Lebensmittel in gut und schlecht ein und übertragen diese Bewertung irgendwann auf uns selbst. Habe ich mich an meinen Plan gehalten, war ich diszipliniert. Habe ich etwas gegessen, das dort eigentlich nicht vorgesehen war, war ich schwach.

Aus Essen wird Moral.

Und genau das möchte ich nicht mehr.

Was Glyck damit zu tun hat

Als ich mit Glyck angefangen habe, war Struktur für mich unglaublich hilfreich. Es gab einen Rahmen, an dem ich mich orientieren konnte. Ich musste nicht jeden Tag vollkommen neu überlegen, was ich eigentlich vorhatte, und genau diese Klarheit hat mir den Einstieg erleichtert.

Aber ein Rahmen ist kein Gefängnis.

Das musste ich erst lernen.

Denn wenn ich aus einem Ernährungskonzept die Erwartung ableite, mich ab jetzt jeden einzelnen Tag perfekt verhalten zu müssen, habe ich vielleicht kurzfristig einen Plan – aber noch lange keinen Lebensstil entwickelt.

Mein Leben wird weiterhin Geburtstage haben. Weihnachten wird vermutlich nicht abgeschafft. Freunde werden mich zum Essen einladen. Im Urlaub werde ich Dinge probieren wollen, ohne vorher deren Kaloriengehalt zu recherchieren. Und gelegentlich werde ich einfach Lust auf etwas haben, das ernährungsphysiologisch nicht zu den großen Errungenschaften der Menschheit gehört.

Die entscheidende Frage ist deshalb für mich nicht mehr, ob solche Situationen vorkommen.

Die Frage ist, was danach passiert.

Esse ich ein Stück Kuchen und führe anschließend meinen normalen Alltag weiter? Oder denke ich: Jetzt habe ich es sowieso ruiniert – und aus einer Ausnahme werden zwei Tage?

Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Arlett nennt es nicht „sündigen“

Auch sprachlich hat sich bei mir etwas verändert. Früher hätte ich wahrscheinlich gesagt, ich hätte beim Essen „gesündigt“.

Arlett mag diesen Ausdruck überhaupt nicht.

Und je länger ich darüber nachdenke, desto besser verstehe ich warum. Essen ist keine Charakterprüfung. Ein Stück Schokolade sagt nichts darüber aus, ob ich diszipliniert, erfolgreich oder gesundheitsbewusst bin.

Natürlich gibt es Lebensmittel, die ernährungsphysiologisch günstiger sind als andere. Natürlich sollten Gemüse, Obst, Eiweißquellen, Vollkornprodukte und eine insgesamt ausgewogene Ernährung häufiger vorkommen als Süßigkeiten, Alkohol oder stark verarbeitete Lebensmittel. Aus dieser sachlichen Bewertung muss aber keine moralische Bewertung des Menschen werden, der sie isst.

Vielleicht ist genau diese Unterscheidung wichtiger, als sie zunächst klingt.

Denn ein Lebensstil, den ich dauerhaft durchhalten möchte, muss auch mein tatsächliches Leben aushalten.

Gesundheit entsteht nicht an einem Dienstag

Das ist vermutlich eine der größten Veränderungen seit meinem Start.

Am Anfang wollte ich möglichst viel richtig machen. Heute möchte ich vor allem genügend Dinge regelmäßig richtig machen.

Das klingt weniger ehrgeizig, ist wahrscheinlich aber wesentlich schwieriger – und nachhaltiger.

Ich möchte mich überwiegend vernünftig ernähren. Ich möchte mich bewegen. Ich möchte auf mein Gewicht achten, ausreichend trinken und nicht jeden Abend gedankenlos auf dem Sofa essen. Glyck kann mir weiterhin helfen, Struktur zu halten, wenn ich sie brauche.

Aber ich möchte genauso mit meiner Familie essen gehen können. Ich möchte Geburtstag feiern. Und wenn irgendwo ein wirklich gutes Stück Kuchen steht, möchte ich nicht fünf Minuten lang darüber nachdenken müssen, ob ich dadurch ein schlechterer Mensch werde.

Arletts neue Rolle in meiner Geschichte gefällt mir deshalb zunehmend. Sie soll mir nicht sagen, wie ich möglichst perfekt lebe. Sie soll mir helfen zu unterscheiden, was gesundheitlich wirklich relevant ist und was wir uns manchmal selbst viel größer machen, als es ist.

Dinge, auf die ich mich verlassen kann.

Vielleicht ist das ohnehin das bessere Ziel für diese neue Phase.

Nicht jeden Tag perfekt zu leben.

Sondern einen Alltag aufzubauen, der meistens funktioniert – und auch dann noch funktioniert, wenn irgendwo ein Stück Kuchen dazwischenkommt.

Ich habe meines übrigens gegessen.

Und am nächsten Morgen nicht wieder bei null angefangen.

Ich habe einfach weitergemacht.