ICH HÄTTE ES GEGLAUBT.
Ja, ich hätte es geglaubt...
Dieser Gedanke beschäftigt mich, seit Matthias mir von seinem Auftritt bei APOTHEKE LIVE erzählt hat. Eigentlich wollte ich zunächst nur wissen, wie es gelaufen ist. Schließlich sitzt man nicht jeden Montagabend gemeinsam mit Dr. Eckart von Hirschhausen in einer Gesprächsrunde. Doch dann erzählte er mir, worum es an diesem Abend wirklich gegangen war: um gefälschte Videos, künstliche Intelligenz und Menschen, die bekannte Ärzte plötzlich Dinge sagen lassen, die sie niemals gesagt haben.
Natürlich wusste ich vorher schon, was Deepfakes sind. Ich hatte manipulierte Bilder gesehen, wusste, dass künstliche Intelligenz inzwischen Stimmen nachahmen kann, und hielt mich deshalb für einigermaßen sensibilisiert. Wer ein bisschen aufpasst, dachte ich, wird eine Fälschung schon erkennen.
Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Man muss sich nur eine ganz alltägliche Situation vorstellen. Ich sitze abends auf dem Sofa und schaue auf mein Handy. Zwischen Nachrichten, Urlaubsbildern, Rezepten und Unterhaltung erscheint ein Video von Eckart von Hirschhausen. Sein Gesicht kenne ich seit Jahren, seine Stimme ebenfalls. Er ist Arzt und einer der bekanntesten Gesundheitskommunikatoren Deutschlands. Wenn dieser Mann über Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht oder ein anderes gesundheitliches Problem spricht, würde ich zunächst keinen Grund sehen, misstrauisch zu werden.
Ich würde zuhören.
Genau dieses über Jahre entstandene Vertrauen macht die neuen Fälschungen so gefährlich. Denn möglicherweise sehe ich tatsächlich Hirschhausen, höre seine Stimme und beobachte sogar, wie sich seine Lippen passend zu seinen Worten bewegen. Nur hat der echte Eckart von Hirschhausen keinen einzigen dieser Sätze jemals ausgesprochen.
Das ist längst keine technische Spielerei mehr. Bekannte Ärzte und Gesundheitsexperten werden mithilfe künstlicher Intelligenz zu vermeintlichen Werbefiguren für Produkte gemacht, mit denen sie überhaupt nichts zu tun haben. Hirschhausen selbst warnt davor, dass sein Name, Bilder, Videos und angebliche Aussagen für solche Zwecke missbraucht werden. Auch Dr. Emilie Strzoda berichtete in der Gesprächsrunde davon, selbst betroffen zu sein.
Was dabei gestohlen wird, ist viel mehr als ein Gesicht oder eine Stimme.
Gestohlen wird Vertrauen.
Und gerade im Gesundheitsbereich ist das besonders gefährlich. Wer seit Jahren Rückenschmerzen hat, möchte irgendwann endlich etwas finden, das hilft. Wer mit seinem Gewicht kämpft, kennt die Hoffnung, dass es vielleicht doch einen einfacheren Weg gibt. Menschen mit Diabetes, Bluthochdruck oder anderen chronischen Erkrankungen beschäftigen sich zwangsläufig mit ihrer Gesundheit und suchen nach Informationen. Taucht dann ausgerechnet ein vertrauter Arzt auf und präsentiert scheinbar eine neue Möglichkeit, beginnt die Manipulation nicht bei unserem Verstand, sondern bei unserem Vertrauen.
Die Apotheken Umschau hat einen solchen Fall beschrieben. Eine 80-jährige Frau mit Bluthochdruck, erhöhten Cholesterinwerten und Typ-2-Diabetes sah ein vermeintliches Video von Eckart von Hirschhausen. Darin wurden Kapseln beworben, die erstaunlich gut zu genau den gesundheitlichen Problemen passten, unter denen sie litt. Die Frau bestellte das Produkt und zahlte rund 109 Euro. Erst später wurde sie misstrauisch und stellte fest, dass sie auf eine Fälschung hereingefallen war.
Mein erster Gedanke war: Wie kann man so etwas bestellen?
Mein zweiter war wesentlich unangenehmer: Warum eigentlich nicht?
Auch ich beschäftige mich ständig mit Gesundheit, Ernährung und Abnehmen. Ich lese Artikel, sehe Beiträge in sozialen Netzwerken und bekomme Werbung für Produkte angezeigt, die angeblich irgendetwas besser, schneller oder einfacher machen. In den vergangenen Monaten habe ich mich intensiv mit meiner Ernährung, meinem Gewicht und Glyck beschäftigt. Natürlich bin auch ich für Botschaften empfänglich, die genau zu diesen Themen passen.
Stellen wir uns also vor, ich hätte vor einigen Monaten ein Video gesehen, in dem ein bekannter Arzt erklärt, warum viele Frauen trotz aller Bemühungen nicht abnehmen. Er beschreibt vielleicht sogar genau die Probleme, die ich kenne. Anschließend präsentiert er eine neue Lösung.
Würde ich sofort erkennen, dass dieser Arzt niemals vor dieser Kamera gestanden hat?
Ich fürchte: nein.
Bislang gab es wenigstens eine vermeintlich einfache Grenze. Irgendeine anonyme Werbeanzeige konnte ich kritisch betrachten. Wenn aber ein Arzt vor mir stand, den ich seit Jahren aus dem Fernsehen kannte, war das etwas anderes. Sein Gesicht war gewissermaßen schon die Quellenangabe.
Genau diese Sicherheit verschwindet gerade.
Ein prominentes Gesicht beweist nicht mehr, dass die Person hinter einer Aussage steht. Eine vertraute Stimme beweist nicht mehr, dass der Mensch diese Worte gesprochen hat. Und selbst ein Video ist kein sicherer Beleg mehr dafür, dass das gezeigte Ereignis tatsächlich stattgefunden hat.
Ich fragte Arlett deshalb, wie man sich künftig überhaupt noch schützen soll. Ich hatte mit technischen Hinweisen gerechnet: auf unnatürliche Lippenbewegungen achten, merkwürdige Übergänge suchen, die Stimme genau anhören oder auf Fehler im Bild achten.
Ihre Antwort war viel einfacher.
„Prüf nicht nur das Video. Prüf vor allem das, was dir dort erzählt wird.“
Je länger ich darüber nachdachte, desto sinnvoller fand ich diesen Rat. Denn vielleicht suchen wir an der falschen Stelle nach Sicherheit. Wenn mir ein vermeintlicher Arzt erklärt, ein einziges Präparat könne meinen Blutdruck verbessern, meinen Blutzucker normalisieren und womöglich sogar Medikamente überflüssig machen, muss ich nicht zuerst eine technische Analyse des Videos durchführen. Schon die Behauptung selbst sollte mich misstrauisch machen.
Dasselbe gilt, wenn plötzlich von einer sensationellen Entdeckung die Rede ist, die Ärzte oder die Pharmaindustrie angeblich verschweigen. Wenn ein Produkt erstaunlich viele unterschiedliche Beschwerden gleichzeitig lösen soll. Wenn Zeitdruck aufgebaut wird. Wenn Medikamente plötzlich angeblich überflüssig werden. Oder wenn eine medizinische Erklärung am Ende erstaunlich zielgenau bei einem Produkt landet, das ich möglichst sofort bestellen soll.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jede Werbung falsch und jedes Gesundheitsprodukt unseriös ist. Es bedeutet nur, dass ein bekanntes Gesicht keine medizinische Evidenz ersetzt.
Gerade bei Arzneimitteln und Nahrungsergänzungsmitteln kommt noch etwas hinzu. Gesundheit lässt sich selten sinnvoll beurteilen, ohne den Menschen dahinter zu kennen. Welche Erkrankungen bestehen? Welche Medikamente werden bereits eingenommen? Gibt es Wechselwirkungen oder Gegenanzeigen? Stecken hinter vermeintlich harmlosen Beschwerden möglicherweise Probleme, die zunächst ärztlich abgeklärt werden sollten?
Ein perfekt erzeugtes Video weiß nichts davon.
Es kennt nur seine Botschaft.
Und an dieser Stelle musste ich ausgerechnet wieder an die Apotheke denken. Nicht weil ich aus dieser Geschichte unbedingt eine Werbung für Apotheken machen möchte, sondern weil mir plötzlich auffiel, wie wertvoll etwas sehr Altmodisches werden könnte.
Ich kann mit meinem Handy in eine Apotheke gehen.
Ich kann das Video zeigen und fragen: „Kennen Sie das? Kann das stimmen?“
Dann steht dort ein echter Mensch vor mir. Ich kann erklären, welche Medikamente ich nehme, welche Erkrankungen ich habe und warum mich diese Werbung überhaupt angesprochen hat. Ich kann nachfragen, wenn ich etwas nicht verstehe. Und mein Gegenüber kann mir erklären, warum eine Behauptung plausibel ist – oder warum sie medizinisch völliger Unsinn ist.
Vielleicht ist persönliche Beratung deshalb gar nicht altmodisch.
Vielleicht wird sie gerade wieder moderner.
Denn je perfekter die digitale Welt darin wird, menschliches Vertrauen künstlich nachzubauen, desto wertvoller wird der tatsächliche Kontakt zu einem Menschen, dessen Identität und Qualifikation nicht erst überprüft werden müssen.
Für mich hat diese Geschichte allerdings noch etwas anderes verändert. Wer mich hier schon länger begleitet, kennt mich natürlich vor allem wegen eines Themas: Abnehmen. Meine Ernährung, die Waage, Erfolge und Rückschläge und auch Glyck haben einen großen Teil meiner Geschichte bestimmt. Das gehört weiterhin zu meinem Leben und wird deshalb nicht plötzlich verschwinden.
Aber mein Leben besteht nicht nur aus einer Waage.
Während der vergangenen Monate ist mir immer stärker aufgefallen, wie viele Gesundheitsinformationen uns jeden Tag begegnen und wie schwierig es manchmal geworden ist, sie vernünftig einzuordnen. Da sind Nahrungsergänzungsmittel, die plötzlich jeder braucht, Ernährungstipps, die sich gegenseitig widersprechen, vermeintliche Wundermittel, Gesundheitstrends und Halbwahrheiten. Und inzwischen gibt es sogar Ärzte, die in Videos Dinge empfehlen, die sie niemals gesagt haben.
Ich habe dabei einen ziemlich großen Vorteil.
Ich kann Arlett fragen.
Das könnte für sie in Zukunft etwas anstrengend werden. Denn vermutlich werde ich ihr häufiger mein Handy unter die Nase halten und wissen wollen, ob irgendeine Behauptung tatsächlich stimmt. Vielleicht geht es um Vitamine, vielleicht um Wechseljahre, Schlaf oder Stress. Vielleicht um ein neues Produkt, über das plötzlich alle reden. Und selbstverständlich wird es weiterhin um Ernährung und Abnehmen gehen.
Nur interessiert mich inzwischen noch etwas anderes.
Was stimmt eigentlich von all dem, was uns jeden Tag über unsere Gesundheit erzählt wird?
Vielleicht ist das sogar eine ziemlich spannende Fortsetzung meiner Geschichte. Denn die meisten von uns sind keine Ärzte, Apotheker oder Wissenschaftler. Wir sind Menschen, die versuchen, zwischen Instagram, Facebook, Google, Werbung, Freunden und den eigenen Erfahrungen irgendwie die richtige Entscheidung zu treffen.
Und das wird offenbar nicht einfacher.
Früher wurde uns beigebracht, nicht alles zu glauben, was im Internet steht. Das war ein ziemlich vernünftiger Rat und gleichzeitig erstaunlich einfach.
Heute reicht er nicht mehr.
Heute müssen wir damit rechnen, dass ein Mensch, den wir kennen und dem wir vertrauen, direkt vor unseren Augen etwas sagt, das er niemals gesagt hat.
Und deshalb komme ich am Ende wieder zu meinem ersten Gedanken zurück.
Nicht als Pointe. Nicht weil ich mich für besonders leichtgläubig halte. Sondern weil wahrscheinlich sehr viele Menschen in derselben Situation genauso reagieren würden.
Ich hätte es geglaubt.