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KEIN HUNGER, ABER STÄNDIG APPETIT: WARUM WIR ESSEN, OBWOHL WIR EIGENTLICH SATT SIND

Gestern Abend saß ich auf dem Sofa und wollte etwas essen.

Das ist zunächst keine besonders aufregende Geschichte. Interessant wurde sie erst, als ich mir selbst eine Frage stellte, die ich früher wahrscheinlich überhaupt nicht gestellt hätte:

Habe ich eigentlich Hunger?

Die Antwort war eindeutig.

Nein.

Ich hatte gegessen. Ich fühlte mich satt, mein Magen verlangte nach überhaupt nichts und trotzdem wanderte mein Blick irgendwann Richtung Küche. Irgendetwas Kleines wäre jetzt schön gewesen. Vielleicht ein paar Nüsse. Vielleicht etwas Süßes. Eigentlich war es völlig egal, was. Hauptsache irgendetwas.

Und genau das fand ich plötzlich spannend.

In den vergangenen Monaten habe ich viel über Kalorien, Mahlzeiten, Zwischenmahlzeiten und Glyck gelernt. Aber vielleicht habe ich eine der wichtigsten Fragen viel zu selten gestellt: Warum esse ich eigentlich?

Am nächsten Tag erzählte ich Arlett von meinem Sofaabend.

„Dann hattest du eben Appetit“, sagte sie.

Ich wollte gerade antworten, dass das doch ungefähr dasselbe sei wie Hunger, aber inzwischen kenne ich Arlett gut genug, um zu wissen, dass gleich die pharmazeutische Lehrstunde beginnt.

Hunger ist zunächst ein körperliches Signal. Der Organismus meldet einen Bedarf an Energie und Nahrung. Appetit dagegen kann entstehen, obwohl dieser unmittelbare Bedarf gar nicht vorhanden ist. Gerüche, Bilder, Erinnerungen, Stress oder bestimmte Situationen können dazu führen, dass wir essen möchten. Und dann gibt es noch die Gewohnheit: Wenn über Jahre beim Fernsehen etwas geknabbert wurde, kann allein das Einschalten des Fernsehers irgendwann schon Teil einer erlernten Essroutine sein.

Während Arlett das erklärte, dachte ich an meinen gestrigen Abend.

Sofa. Fernseher. Ruhe.

Das war früher fast automatisch mit Essen verbunden.

Vielleicht hatte mein Körper überhaupt nichts verlangt. Vielleicht hatte mein Kopf lediglich festgestellt, dass zu dieser Situation normalerweise noch etwas gehört.

Diese Erkenntnis fand ich erstaunlich, weil sie einen Teil meiner früheren Abnehmversuche ziemlich gut erklärt.

Ich hatte Hunger und Appetit immer gleich behandelt.

Wenn ich essen wollte, habe ich daraus geschlossen, dass mein Körper offenbar Nahrung braucht. Und wenn ich während einer Diät nicht essen durfte, obwohl ich essen wollte, empfand ich das als Verzicht.

Heute sehe ich das differenzierter.

Genau hier spielt auch Glyck für mich eine wichtige Rolle. Das Konzept beschäftigt sich sehr stark mit Hunger und Heißhunger und soll dabei unterstützen, eine reduzierte Energiezufuhr im Alltag besser umzusetzen. Für mich persönlich ist das einer der Gründe, weshalb mir die neue Ernährungsstruktur leichter fällt.

Aber mein gestriger Abend zeigt gleichzeitig die Grenze.

Glyck kann mir nicht abnehmen, meine eigenen Gewohnheiten zu erkennen.

Wenn ich aus Langeweile esse, muss ich mich mit meiner Langeweile beschäftigen. Wenn Essen meine Belohnung für einen stressigen Tag ist, sollte ich mich fragen, warum ausgerechnet Essen diese Aufgabe übernommen hat. Und wenn ich seit zwanzig Jahren Fernsehen mit Knabbereien verbinde, verschwindet diese Verbindung nicht automatisch dadurch, dass ich ein Ernährungskonzept beginne.

Darüber wollte ich auch mit Marco sprechen.

Schließlich wird Glyck sehr deutlich mit dem Thema Heißhunger verbunden. Also fragte ich ihn, ob wir nicht aufpassen müssten, Hunger, Heißhunger und Appetit in einen Topf zu werfen.

Seine Antwort gefiel mir.

Gerade deshalb sei die Struktur wichtig. Glyck solle nicht dazu führen, dass ein Mensch überhaupt nicht mehr über sein Essverhalten nachdenken müsse. Im Gegenteil: Wenn der körperliche Hunger weniger im Vordergrund steht, könne es sogar leichter werden zu erkennen, in welchen Situationen man aus ganz anderen Gründen essen möchte.

Das war für mich der interessanteste Gedanke unseres Gesprächs.

Vielleicht geht es beim Abnehmen irgendwann gar nicht mehr nur darum, weniger zu essen.

Vielleicht geht es darum, Essen wieder die richtige Aufgabe zu geben.

Essen darf Genuss sein. Essen darf gesellig sein. Und selbstverständlich darf ich auch einmal etwas essen, einfach weil ich Lust darauf habe. Ich möchte schließlich kein Leben führen, in dem jeder Keks erst eine medizinische Begründung benötigt.

Aber es macht einen Unterschied, ob ich mich bewusst dafür entscheide oder ob meine Hand automatisch in die Tüte greift, weil sie das seit Jahren jeden Abend um dieselbe Uhrzeit tut.

Gestern Abend bin ich übrigens nicht in die Küche gegangen.

Nicht weil ich mir etwas verboten hätte.

Ich blieb einfach noch einen Moment sitzen und stellte fest, dass mein Wunsch nach etwas zu essen nach einiger Zeit wieder verschwunden war.

Das war kein großer Sieg.

Die Waage wird deshalb heute Morgen keine zwei Kilo weniger anzeigen.

Aber vielleicht sind genau diese unspektakulären Momente langfristig wichtiger als die großen Vorsätze.

Denn Glyck kann mich auf meinem Weg unterstützen.

Warum ich aber zum Kühlschrank gehe, obwohl ich gar keinen Hunger habe, muss ich am Ende selbst herausfinden.