Zum Hauptinhalt springen

WARUM ICH MICH TROTZDEM FÜR DEN LANGSAMEREN WEG ENTSCHIEDEN HABE

In den vergangenen Wochen habe ich viel über die Abnehmspritze nachgedacht. Nicht, weil ich sie unbedingt nutzen wollte oder weil ich nach Argumenten dagegen gesucht habe. Eher deshalb, weil das Thema inzwischen überall präsent ist. Kaum ein Gespräch über Gewichtsreduktion kommt noch ohne diesen Begriff aus. Freunde sprechen darüber, Medien berichten darüber und auch die Nachrichten, die mich erreichen, drehen sich immer wieder um dieselbe Frage.

„Warum machst du das eigentlich nicht auch?“

Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde mir, dass die Frage berechtigt ist.

Wenn man nur auf das Ziel schaut, wirkt die Entscheidung sogar logisch. Wer Gewicht verlieren möchte, wird sich zwangsläufig für Methoden interessieren, die dabei helfen können. Und wenn man ehrlich ist, gibt es vermutlich nur wenige Menschen, die sich nach Jahren voller Diäten, Rückschläge und Frustration nicht wenigstens kurz eine einfachere Lösung wünschen.

Ich hätte das früher wahrscheinlich auch getan.

Genau deshalb fällt es mir schwer, Menschen zu kritisieren, die diesen Weg wählen. Die meisten tun das nicht aus Bequemlichkeit. Sie tun es, weil sie erschöpft sind. Weil sie schon vieles versucht haben. Weil sie nicht noch einmal dieselben Fehler machen möchten.

Während eines Gesprächs mit Arlett kamen wir genau auf diesen Punkt. Sie hörte sich meine Gedanken an und fragte mich irgendwann etwas, das zunächst gar nicht besonders bemerkenswert klang.

„Was ist eigentlich dein Ziel?“

Ich antwortete fast automatisch: „Abnehmen.“

Sie schüttelte den Kopf.

Nicht ablehnend, eher nachdenklich.

„Nein“, sagte sie. „Das ist nicht dein Ziel. Das ist nur die Methode.“

Dieser Satz hat mich deutlich länger beschäftigt, als ich erwartet hätte.

Denn je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr musste ich mir eingestehen, dass sie recht hatte.

Mein eigentliches Ziel war nie, eine bestimmte Zahl auf der Waage zu erreichen. Ich wollte mich wieder wohler fühlen. Ich wollte morgens aufstehen und nicht sofort genervt sein, wenn ich in den Spiegel schaue. Ich wollte mich bewegen, ohne bei jeder Treppe daran erinnert zu werden, dass ich zu viel Gewicht mit mir herumtrage. Ich wollte nicht ständig über Essen nachdenken und mich gleichzeitig schuldig fühlen, wenn ich wieder einmal gegen meine eigenen Vorsätze verstoßen hatte.

Mit anderen Worten: Ich wollte mein Leben verändern.

Und genau dort begann für mich die eigentliche Erkenntnis.

Wenn mein Ziel tatsächlich ein anderes Leben ist, dann muss ich irgendwann verstehen, warum mein altes Leben mich an diesen Punkt gebracht hat. Warum ich gegessen habe, obwohl ich keinen Hunger hatte. Warum bestimmte Situationen immer wieder gleich abliefen. Warum Stress, Frust oder Langeweile oft stärker waren als jede Motivation.

Diese Fragen haben mich in den letzten Monaten deutlich stärker beschäftigt als jede Kalorientabelle.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie oft ich früher dachte, mein Problem sei mangelnde Disziplin. Heute glaube ich das nicht mehr. Disziplin hilft vielleicht für einige Tage oder Wochen. Ein Leben baut man darauf nicht auf.

Was wirklich hilft, sind Strukturen. Gewohnheiten. Ein Alltag, der nicht ständig gegen die eigenen Ziele arbeitet.

Genau deshalb haben die Gespräche mit Arlett und Marco für mich so viel verändert. Zum ersten Mal ging es nicht nur darum, was ich essen soll oder was ich besser weglassen sollte. Es ging darum, warum bestimmte Muster überhaupt entstanden sind.

Das war nicht immer angenehm.

Manchmal ist es einfacher, eine Lösung zu suchen, als sich die Ursachen anzusehen.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass genau dort die eigentliche Veränderung stattfindet.

Auch meine Sicht auf Glyck hat sich dadurch verändert. Am Anfang dachte ich vor allem an Gewichtsverlust. Heute sehe ich darin eher eine Unterstützung für die Prozesse, die dahinterliegen. Für mehr Struktur. Für weniger spontane Entscheidungen. Für einen Alltag, der ruhiger geworden ist.

Vielleicht hätte ich schneller abnehmen können. Vielleicht nicht. Ehrlich gesagt weiß ich es nicht.

Was ich aber weiß, ist etwas anderes.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren habe ich nicht das Gefühl, eine Diät zu machen.

Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, etwas zu lernen.

Über meinen Körper. Über meine Gewohnheiten. Über die Gründe, warum frühere Versuche gescheitert sind.

Und genau deshalb habe ich mich für den langsameren Weg entschieden.

Nicht weil er leichter ist.

Sondern weil ich hoffe, dass er mich nicht nur zu einem niedrigeren Gewicht führt, sondern zu einem Leben, in dem ich dieses Gewicht auch halten kann.