Abgenommen und trotzdem unzufrieden: Warum unser Körperbild nicht immer mitzieht
Neulich habe ich eine Jeans aus dem Schrank gezogen, die dort schon eine ganze Weile lag. Nicht, weil ich sie besonders schön fand, sondern weil sie mir irgendwann zu eng geworden war. Ich hatte sie aufgehoben, wie man eben solche Kleidungsstücke aufhebt. Für den Fall, dass sie eines Tages wieder passen. Oder vielleicht auch als Erinnerung daran, dass man irgendwann einmal hineingepasst hat.
Diesmal bekam ich sie problemlos zu.
Eigentlich hätte das ein ziemlich schöner Moment sein müssen. Schließlich hatte ich genau darauf hingearbeitet. Ich hatte meine Ernährung verändert, mich intensiver mit meinem Körper beschäftigt und mit Glyck einen Weg begonnen, der inzwischen längst mehr geworden war als ein Versuch, ein paar Kilogramm abzunehmen.
Trotzdem stand ich vor dem Spiegel und war nicht annähernd so begeistert, wie ich es erwartet hatte.
Die Jeans passte. Das konnte ich nicht bestreiten. Aber mein Blick wanderte sofort zu meinem Bauch. Dann zu meinen Hüften. Schließlich drehte ich mich ein wenig zur Seite und fragte mich, warum ich eigentlich noch immer so aussah wie vorher.
Natürlich sah ich nicht mehr genauso aus. Das bewies schon die Hose. Nur schien mein Kopf von dieser Veränderung noch nicht besonders überzeugt zu sein.
Als ich Arlett davon erzählte, stellte sie mir eine Frage, die mich länger beschäftigt hat: „Was hast du eigentlich erwartet, was du im Spiegel sehen würdest?“
Eine gute Frage. Und eine, auf die ich zunächst keine vernünftige Antwort hatte.
Warum der Spiegel nicht immer die ganze Wahrheit erzählt
Wenn wir über das Abnehmen sprechen, beschäftigen wir uns meistens mit messbaren Veränderungen. Kilogramm, Taillenumfang, Körperfettanteil oder Kleidergröße. Das alles sind Größen, die sich zumindest einigermaßen objektiv erfassen lassen.
Unser Körperbild funktioniert anders.
Es beschreibt nicht einfach nur, wie unser Körper tatsächlich aussieht, sondern auch, wie wir ihn wahrnehmen, bewerten und welche Gefühle wir mit ihm verbinden. Erfahrungen, Erinnerungen, gesellschaftliche Vorstellungen und persönliche Erwartungen können dabei eine erhebliche Rolle spielen.
Arlett erklärte mir, dass sich unser Körperbild deshalb nicht zwangsläufig im gleichen Tempo verändert wie unser Körpergewicht. Wer sich über viele Jahre auf eine bestimmte Weise wahrgenommen hat, verändert diese innere Vorstellung nicht unbedingt innerhalb weniger Wochen oder Monate.
Das bedeutet nicht, dass der Spiegel falsche Bilder liefert. Aber unser Blick darauf ist eben nicht vollkommen neutral.
Ich sehe meinen Körper schließlich jeden Tag. Kleine Veränderungen fallen mir dadurch möglicherweise weniger auf als jemandem, der mich nur gelegentlich trifft. Gleichzeitig weiß ich sehr genau, welche Stellen meines Körpers mich schon immer gestört haben. Und genau dort schaue ich offenbar besonders gründlich hin.
Die neue Jeans war für mich ein Beweis, dass sich etwas verändert hatte. Trotzdem suchte ich im Spiegel zunächst nach allem, was noch nicht meinen Vorstellungen entsprach.
Vielleicht war das eigentliche Problem also nicht mein Körper.
Vielleicht waren es meine Erwartungen.
Wenn aus einem Ziel immer das nächste wird
Am Anfang meines Abnehmens hatte ich ein relativ klares Ziel. Ich wollte leichter werden, mich wohler fühlen und wieder besser in meine Kleidung passen.
Das klingt überschaubar.
Doch sobald erste Erfolge sichtbar wurden, veränderte sich etwas. Plötzlich war nicht mehr nur wichtig, dass ich Gewicht verlor. Ich begann genauer darauf zu achten, wo ich abnahm und wo nicht. Warum wurde mein Gesicht schmaler, während mein Bauch scheinbar kaum mitmachen wollte? Warum saß eine Hose besser, während mich mein Spiegelbild noch immer nicht überzeugte?
Dabei lässt sich nicht gezielt bestimmen, an welchen Körperstellen Fett zuerst abgebaut wird. Die Verteilung des Körperfetts und seine Veränderung hängen unter anderem von genetischen, hormonellen und individuellen Faktoren ab.
Trotzdem entwickelte ich ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie mein Körper nach einer bestimmten Gewichtsabnahme aussehen müsste.
Und als diese Vorstellungen nicht vollständig eintrafen, verschob sich mein Ziel.
Aus „Ich möchte wieder in meine Jeans passen“ wurde „Eigentlich müsste mein Bauch jetzt auch flacher sein“. Kaum war eine Veränderung erreicht, erschien die nächste plötzlich wichtiger.
Das ist eine ziemlich anstrengende Art, Fortschritte zu betrachten.
Denn wenn ich immer nur nach dem suche, was noch fehlt, werde ich irgendwann selbst mit einem guten Ergebnis unzufrieden bleiben.
Abnehmen verändert nicht automatisch das Selbstwertgefühl
Diesen Punkt fand ich in meinem Gespräch mit Arlett besonders wichtig.
Natürlich kann eine Gewichtsreduktion positive Auswirkungen haben. Je nach Ausgangssituation können sich gesundheitliche Risiken verringern, Bewegungen leichter fallen und körperliche Beschwerden verbessern. Manche Menschen gewinnen durch eine Gewichtsabnahme auch an Selbstvertrauen oder fühlen sich wohler in ihrem Körper.
Aber daraus folgt nicht, dass mit jedem verlorenen Kilogramm automatisch auch Unsicherheit, Selbstkritik oder Unzufriedenheit verschwinden.
Wenn ich mich über Jahre daran gewöhnt habe, meinen Körper kritisch zu betrachten, kann diese Gewohnheit bestehen bleiben, obwohl sich mein Gewicht verändert.
Hinzu kommt, dass wir uns heute ständig mit Bildern anderer Menschen vergleichen können. Auf Instagram begegnen uns trainierte Körper, perfekt ausgeleuchtete Gesichter, erstaunlich flache Bäuche und vermeintlich mühelose Verwandlungen. Was wir dabei häufig nicht sehen, sind Bildbearbeitung, günstige Perspektiven, Inszenierung oder schlicht die Tatsache, dass Körper sehr unterschiedlich aussehen.
Besonders schwierig wird es, wenn wir daraus einen Maßstab für uns selbst entwickeln.
Ich bin 47 Jahre alt. Ich habe zwei Kinder bekommen, einen Alltag mit Familie, Arbeit und Verpflichtungen. Mein Körper hat eine Geschichte. Trotzdem erwische ich mich gelegentlich dabei, ihn mit Bildern zu vergleichen, die mit meinem Leben herzlich wenig zu tun haben.
Eigentlich ist das ziemlich absurd.
Und trotzdem passiert es.
Warum Lob manchmal weniger hilft, als man denkt
Auch die Reaktionen anderer Menschen können unser Körperbild beeinflussen.
Wenn jemand sagt, ich hätte abgenommen, freue ich mich natürlich. Besonders dann, wenn ich selbst gerade das Gefühl habe, dass sich kaum etwas verändert.
Allerdings habe ich inzwischen bemerkt, dass solche Komplimente auch eine merkwürdige Nebenwirkung haben können. Sie lenken meine Aufmerksamkeit noch stärker auf mein Aussehen.
Plötzlich frage ich mich, ob andere meine Veränderung wirklich bemerken. Ob ich heute schlanker aussehe als gestern. Ob man mir ansieht, dass ich weiter abgenommen habe.
Aus einer zunächst angenehmen Bestätigung kann so eine neue Erwartung entstehen.
Arlett findet deshalb wichtig, gesundheitliche Veränderungen nicht ausschließlich über das Aussehen zu bewerten. Wie geht es mir körperlich? Wie belastbar fühle ich mich? Haben sich Beschwerden verändert? Wie komme ich mit meiner Ernährung zurecht? Kann ich neue Gewohnheiten tatsächlich in meinem Alltag beibehalten?
Das sind Fragen, die beim Abnehmen mindestens ebenso wichtig sein können wie der Blick in den Spiegel.
Natürlich darf ich mich über eine kleinere Kleidergröße freuen. Ich darf auch stolz darauf sein, dass eine alte Jeans wieder passt.
Aber vielleicht sollte mein gesamtes Wohlbefinden nicht davon abhängen, ob ich mich an einem bestimmten Morgen besonders attraktiv finde.
Was Glyck verändern kann – und was nicht
Als ich mit Glyck angefangen habe, ging es zunächst um Struktur. Ich wollte meine Ernährung verändern, mein Gewicht reduzieren und endlich einen Weg finden, der für mich funktioniert.
Diese Struktur hat mir geholfen, bewusster mit meinem Essen umzugehen und bestimmte Gewohnheiten zu hinterfragen.
Aber kein Abnehmkonzept kann mir garantieren, dass ich mich anschließend automatisch schöner, selbstbewusster oder glücklicher finde.
Das wäre auch ein ziemlich problematisches Versprechen.
Ein Ernährungskonzept kann eine Gewichtsreduktion unterstützen. Es kann Orientierung geben und dabei helfen, einen Alltag anders zu gestalten. Was ich über mich selbst denke, welche Erwartungen ich an meinen Körper stelle und wie ich mit meinen Unsicherheiten umgehe, ist allerdings eine andere Aufgabe.
Inzwischen glaube ich sogar, dass beide Entwicklungen einander begleiten sollten.
Während ich lerne, anders zu essen, möchte ich auch lernen, anders über meinen Körper nachzudenken. Nicht ständig wohlwollend und begeistert – das wäre vermutlich genauso unrealistisch wie die Vorstellung, jeden Tag perfekt auszusehen. Aber vielleicht etwas gerechter.
Denn mein Körper ist nicht automatisch ein Misserfolg, nur weil er nicht genau so aussieht, wie ich ihn mir vorgestellt habe.
Wann aus Unzufriedenheit ein ernstes Problem werden kann
Bei diesem Thema gibt es allerdings eine Grenze, die Arlett ausdrücklich anspricht.
Gelegentliche Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen ist weit verbreitet. Wenn sich die Gedanken aber zunehmend nur noch um Körpergewicht, vermeintliche Makel, Kalorien oder das eigene Spiegelbild drehen, kann daraus eine erhebliche psychische Belastung entstehen.
Besonders aufmerksam sollte man werden, wenn Mahlzeiten aus Angst vor einer Gewichtszunahme immer weiter eingeschränkt werden, starke Schuldgefühle nach dem Essen entstehen, soziale Situationen vermieden werden oder das eigene Selbstwertgefühl fast vollständig vom Körpergewicht abhängt.
Auch ständiges Kontrollieren des Körpers, ausgeprägte Angst vor bestimmten Lebensmitteln oder Essanfälle können Hinweise darauf sein, dass professionelle Unterstützung sinnvoll ist.
Eine Apothekerin kann solche Entwicklungen ansprechen, sensibilisieren und bei der Suche nach geeigneter Hilfe unterstützen. Die Diagnose und Behandlung psychischer Erkrankungen oder einer Essstörung gehören jedoch in ärztliche beziehungsweise psychotherapeutische Hände.
Das ist mir wichtig, weil die Lösung für eine belastende Körperunzufriedenheit nicht zwangsläufig darin besteht, noch mehr Gewicht zu verlieren.
Manchmal braucht nicht der Körper eine weitere Veränderung, sondern der Umgang mit ihm Unterstützung.
Vielleicht sollte ich meine alte Jeans einfach öfter anziehen
Inzwischen hängt die Jeans wieder in meinem Schrank. Diesmal allerdings nicht als Erinnerung an etwas, das ich früher einmal geschafft habe, sondern als Kleidungsstück, das mir heute passt.
Eigentlich könnte ich sie einfach anziehen und mich darüber freuen.
Ohne anschließend vor dem Spiegel nach den nächsten Stellen zu suchen, die sich noch verändern müssten.
Ich werde wahrscheinlich auch künftig Tage haben, an denen ich mich wohler fühle als an anderen. Manchmal werde ich meinen Bauch kritisch betrachten, manchmal meine Hüften und gelegentlich vermutlich beides. Das gehört zu mir, und ich erwarte nicht, dass solche Gedanken plötzlich vollständig verschwinden.
Aber ich möchte ihnen weniger Bedeutung geben.
Ich habe mit dem Abnehmen begonnen, weil ich mich verändern wollte. Heute merke ich, dass diese Veränderung nicht ausschließlich auf der Waage oder im Spiegel stattfinden kann.
Vielleicht besteht ein Teil des leichteren Lebens darin, den eigenen Körper nicht ständig wie ein unfertiges Projekt zu betrachten.
Die Jeans passt wieder.
Mein Körper hat sich verändert.
Und vielleicht darf ich mich darüber einfach einmal freuen, ohne sofort zu überlegen, was als Nächstes noch besser werden müsste.