Wenn das Umfeld beim Abnehmen plötzlich mitredet
Als ich beschlossen habe abzunehmen, fanden es eigentlich alle gut. Mehr Bewegung, bewusster essen, ein paar Kilo verlieren – dagegen kann schließlich kaum jemand etwas haben. Im Gegenteil. Die Reaktionen waren positiv. „Das schaffst du.“ „Das tut dir bestimmt gut.“ „Ein bisschen weniger wäre ja auch gesünder.“
Interessant wurde es erst, als ich tatsächlich anfing abzunehmen.
Denn plötzlich veränderten sich die Kommentare. Aus „Das schaffst du“ wurde irgendwann „Jetzt reicht es aber langsam“. Beim gemeinsamen Essen kam die Frage, ob ich denn wirklich keinen Nachtisch wolle. Wenn ich ablehnte, folgte gerne noch ein „Ach komm, einmal ist doch egal“. Und wenn ich erzählte, dass ich mit Glyck gerade ganz gut zurechtkam und meine Ernährung verändert hatte, gab es erstaunlich viele Menschen, die ziemlich genau wussten, warum ich es eigentlich ganz anders machen müsste.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mein Abnehmen irgendwann zu einer Art Gemeinschaftsprojekt wird.
Natürlich ist nicht jeder Kommentar böse gemeint. Wahrscheinlich sogar die wenigsten. Trotzdem habe ich mich irgendwann gefragt, warum eine Veränderung, die zunächst nur mich betrifft, plötzlich so viele Reaktionen bei anderen auslöst.
Arlett fand meine Frage interessanter, als ich erwartet hatte. Denn Essen und Körpergewicht sind eben keine rein privaten Angelegenheiten, auch wenn sie das eigentlich sein sollten. Essen ist sozial. Wir feiern mit Essen, treffen uns zum Essen, trösten uns mit Essen und zeigen Zuneigung mit Essen. Ein Stück Kuchen ist deshalb manchmal eben nicht nur ein Stück Kuchen.
Und genau dort wird es beim Abnehmen kompliziert.
Wenn ich mich verändere, verändert sich etwas für die anderen
Nehmen wir einen ganz normalen Abend mit Freunden. Früher hätte ich vielleicht ohne großes Nachdenken etwas bestellt, ein Glas Wein getrunken und anschließend noch ein Dessert geteilt. Heute überlege ich manchmal, worauf ich wirklich Lust habe und was zu meinem Tag passt.
Für mich ist das zunächst nur eine Entscheidung.
Für jemanden, der mit mir am Tisch sitzt, kann sie aber plötzlich sichtbar machen, dass ich etwas verändert habe.
„Du trinkst gar keinen Wein?“
Nein, heute nicht.
„Warum denn nicht?“
Weil ich keinen möchte.
Eigentlich könnte das Gespräch an dieser Stelle beendet sein. Erstaunlicherweise ist es das manchmal nicht.
Das Gleiche passiert mit Kuchen. Wer auf einer Geburtstagsfeier ein Stück nimmt, muss das normalerweise nicht erklären. Wer keines nimmt, wird dagegen schnell gefragt, warum.
Genau das finde ich psychologisch interessant. Solange alle ungefähr dasselbe tun, fällt unser Verhalten kaum auf. Erst wenn einer aus der gemeinsamen Routine aussteigt, wird die Routine sichtbar.
Das muss überhaupt nichts mit Neid zu tun haben. Ich wäre vorsichtig mit der beliebten Erklärung, andere Menschen wollten einen „sabotieren“. Manchmal ist es schlicht Gewohnheit. Manchmal möchte ein Gastgeber, dass sein Essen geschätzt wird. Manchmal verändert sich durch mein Verhalten eine gemeinsame Tradition. Und manchmal macht meine Entscheidung vielleicht auch etwas mit dem anderen selbst.
Wenn ich sage, dass ich heute keinen Nachtisch möchte, hört mein Gegenüber möglicherweise etwas ganz anderes: Sollte ich vielleicht auch keinen essen?
Dabei habe ich das überhaupt nicht gesagt.
Abnehmen findet nicht im luftleeren Raum statt
Ich hatte am Anfang vor allem an mich gedacht. Mein Gewicht, meine Ernährung, mein Ziel.
Das war schließlich auch der Sinn der Sache.
Mit Glyck bekam mein Essen mehr Struktur und ich begann bewusster darauf zu achten, wann und wie ich esse. Doch je länger ich das gemacht habe, desto deutlicher wurde mir, dass sich damit automatisch auch Situationen verändern, an denen andere beteiligt sind.
Das gemeinsame Naschen am Abend kann dazugehören. Der spontane Imbiss unterwegs. Das zweite Glas Wein. Der Kuchen im Büro. Das Essen bei Freunden.
Keine dieser Situationen ist grundsätzlich problematisch. Aber wenn ich bestimmte Gewohnheiten verändern möchte, kann ich nicht gleichzeitig erwarten, dass sich in meinem Alltag überhaupt nichts verändert.
Und mein Alltag besteht nun einmal auch aus anderen Menschen.
Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum Unterstützung beim Abnehmen so wertvoll sein kann. Es ist leichter, eine Veränderung durchzuhalten, wenn das eigene Umfeld sie akzeptiert. Dafür muss nicht die ganze Familie dasselbe essen und niemand muss gemeinsam mit mir abnehmen.
Manchmal reicht etwas viel Einfacheres:
Dass ein Nein akzeptiert wird.
Aber ist jeder kritische Kommentar wirklich übergriffig?
Nein.
Das ist Arlett wichtig, und ich finde diese Einschränkung richtig.
Denn natürlich gibt es auch die andere Seite. Wenn ein Mensch sehr schnell viel Gewicht verliert, Mahlzeiten zunehmend vermeidet, Lebensmittel immer stärker einschränkt oder sich gedanklich fast nur noch mit Essen, Kalorien und Körpergewicht beschäftigt, darf ein nahestehender Mensch durchaus aufmerksam werden.
Zwischen „Iss doch noch ein Stück Kuchen“ und einer ehrlichen Sorge um jemanden liegt ein erheblicher Unterschied.
Nicht jeder Mensch, der mich auf meine Gewichtsabnahme anspricht, will mir etwas Böses. Nicht jede Nachfrage ist Kritik. Und nicht jeder Hinweis auf eine möglicherweise problematische Entwicklung ist ein Angriff auf meine Selbstbestimmung.
Vielleicht liegt die Kunst darin, beides unterscheiden zu lernen.
Ich darf Grenzen setzen, wenn Menschen meine Entscheidungen permanent kommentieren. Gleichzeitig sollte ich nicht jede Rückmeldung automatisch als Einmischung abtun.
Das gilt gerade dann, wenn Abnehmen beginnt, einen immer größeren Teil des Lebens einzunehmen.
Der Körper verändert sich – Beziehungen manchmal auch
Über diesen Punkt wird erstaunlich wenig gesprochen.
Wer sein Verhalten verändert, verändert manchmal unbewusst auch seine Rolle innerhalb einer Beziehung. Vielleicht war ich immer diejenige, die beim Nachtisch sofort dabei war. Vielleicht gehörte das gemeinsame Naschen am Abend zu einer Partnerschaft. Vielleicht war Essen eine Art Ritual.
Wenn ich dieses Ritual plötzlich verändere, kann das beim anderen Irritation auslösen.
Das bedeutet nicht, dass ich deshalb bei meinen alten Gewohnheiten bleiben muss. Aber es hilft mir zu verstehen, warum Veränderungen nicht immer nur Begeisterung auslösen.
Manchmal müssen sich eben auch die Menschen um mich herum erst daran gewöhnen, dass ich etwas anders mache.
Und natürlich gibt es auch weniger angenehme Reaktionen. Abwertende Kommentare, ständige Bemerkungen über den Körper oder der Versuch, jemanden bewusst von seinem Vorhaben abzubringen, können verletzend sein. Gerade Körpergewicht ist ein Bereich, bei dem Menschen erstaunlich schnell glauben, ein Mitspracherecht zu besitzen.
„Du bist jetzt aber dünn geworden.“
„Früher sahst du gesünder aus.“
„Ein bisschen darfst du ruhig noch.“
Solche Sätze würden wir über viele andere körperliche Merkmale kaum so selbstverständlich äußern.
Beim Gewicht scheint die Hemmschwelle niedriger zu sein.
Ich möchte nicht zur Ernährungspolizei werden
Es gibt allerdings noch eine Falle, in die ich selbst nicht geraten möchte.
Nur weil ich mich gerade intensiv mit meiner Ernährung beschäftige, muss ich nicht plötzlich die Ernährung aller anderen kommentieren.
Wenn ich keinen Nachtisch möchte, bedeutet das nicht, dass Thomas keinen essen darf. Wenn ich gerade weniger Alkohol trinke, muss ich nicht erklären, warum alle anderen das ebenfalls tun sollten. Und wenn mir eine bestimmte Struktur beim Abnehmen hilft, folgt daraus nicht, dass sie für jeden anderen Menschen genauso sinnvoll ist.
Das klingt selbstverständlich.
Aber Menschen, die etwas erfolgreich verändern, entwickeln gelegentlich einen erstaunlichen missionarischen Eifer.
Ich möchte das nicht.
Glyck ist mein Weg. Meine Entscheidungen sind meine Entscheidungen. Und genau dieselbe Freiheit, die ich von meinem Umfeld erwarte, muss ich auch anderen zugestehen.
Vielleicht ist das sogar die angenehmste Form gegenseitiger Unterstützung: Ich muss mich nicht rechtfertigen – und ich versuche auch nicht, die anderen zu bekehren.
Vielleicht muss nicht jeder verstehen, warum ich etwas verändere
Das ist für mich die eigentliche Erkenntnis.
Am Anfang wollte ich Zustimmung. Wenn jemand mein Abnehmen bemerkte, freute ich mich. Wenn jemand sagte, ich sähe gut aus, war das natürlich schön. Irgendwann merkte ich aber, wie schnell aus dieser Bestätigung eine neue Abhängigkeit werden kann.
Wenn ich mich über Lob freue, was mache ich dann mit Kritik?
Vielleicht darf beides etwas weniger wichtig werden.
Ich möchte Gewicht verlieren beziehungsweise mein Gewicht langfristig stabilisieren, weil ich mich damit wohler fühle und etwas für meine Gesundheit tun möchte. Dabei lasse ich mich beraten, höre auf Arlett, hinterfrage Dinge und ändere meinen Weg, wenn es dafür gute Gründe gibt.
Aber ich brauche keine Abstimmung im Freundeskreis darüber, ob ich heute Nachtisch essen sollte.
Und ich möchte ebenso wenig, dass jemand anderes sich rechtfertigen muss, weil er ihn bestellt.
Vielleicht ist genau das ein Teil dieses „leichter leben“, das für mich inzwischen immer wichtiger wird.
Nicht nur weniger Gewicht mit mir herumzutragen.
Sondern auch weniger fremde Meinungen.
Als ich abnehmen wollte, fanden es alle gut.
Als ich tatsächlich anfing, mich zu verändern, mussten sich manche offenbar erst daran gewöhnen.
Inzwischen glaube ich: Das dürfen sie auch.
Sie müssen meinen Weg nicht gehen.
Aber sie dürfen mich meinen gehen lassen.