WAS PASSIERT EIGENTLICH NACH DEM ABNEHMEN?
Je länger ich mich mit dem Thema Gewichtsreduktion beschäftige, desto häufiger fällt mir auf, wie einseitig viele Gespräche verlaufen. Fast alles dreht sich um den Weg zum Ziel. Welche Methode funktioniert am besten? Wie viele Kilo kann man verlieren? Wie lange dauert es? Welche Ernährung ist sinnvoll? Welche Unterstützung hilft?
Über die Zeit danach wird erstaunlich selten gesprochen.
Vielleicht liegt das daran, dass wir Ziele grundsätzlich spannender finden als Zustände. Ein Mensch, der zehn Kilo verlieren möchte, hat eine Geschichte. Ein Mensch, der sein Gewicht seit drei Jahren hält, wirkt dagegen fast unspektakulär. Dabei ist es wahrscheinlich genau umgekehrt.
Vor einigen Tagen habe ich mich mit Arlett zusammengesetzt und ihr genau diese Beobachtung geschildert. Die Reaktionen auf meinen letzten Beitrag hatten mich überrascht. Viele Menschen wollten gar nicht über die Abnehmspritze diskutieren. Stattdessen fragten sie, was eigentlich nach dem Abnehmen passiert. Ob die alten Gewohnheiten zurückkommen. Ob man dauerhaft aufpassen muss. Ob die Angst bleibt, wieder zuzunehmen.
Arlett musste darüber nicht lange nachdenken.
„Das sind die richtigen Fragen“, sagte sie.
Danach erzählte sie von Menschen, die sie über Jahre begleitet hat. Nicht nur beim Abnehmen, sondern auch in der Zeit danach. Während viele Außenstehende glauben, dass mit dem Erreichen eines Zielgewichts alles erledigt sei, erlebt sie häufig etwas anderes. Die Waage zeigt zwar einen Erfolg an, aber der Alltag hat sich oft noch gar nicht im gleichen Maße verändert.
Genau dort entstehen die Schwierigkeiten.
Wer jahrelang bestimmte Gewohnheiten entwickelt hat, legt sie nicht automatisch ab, nur weil die Zahl auf der Waage sinkt. Der Griff zum Snack aus Langeweile, das Essen bei Stress oder die Belohnung nach einem anstrengenden Tag verschwinden nicht über Nacht. Manchmal werden sie sogar erst sichtbar, wenn die anfängliche Euphorie vorbei ist.
Während unseres Gesprächs musste ich mehrfach an meine eigene Situation denken. Früher war mein Ziel immer klar definiert: weniger wiegen. Alles andere schien zweitrangig. Heute merke ich, dass sich meine Perspektive langsam verschiebt. Natürlich freue ich mich über jedes verlorene Kilo. Aber ich beginne zu verstehen, dass die eigentliche Frage eine andere ist.
Wie möchte ich leben, wenn ich mein Ziel erreicht habe?
Diese Frage wirkt auf den ersten Blick fast banal. Tatsächlich verändert sie aber den gesamten Blick auf das Thema. Wer nur auf das Zielgewicht schaut, denkt in Monaten. Wer über das Leben danach nachdenkt, denkt plötzlich in Jahren.
Arlett formulierte es sehr treffend. Sie sagte, dass erfolgreiche Menschen oft nicht diejenigen sind, die am schnellsten abnehmen. Häufig sind es diejenigen, die früh beginnen, ihren Alltag neu zu gestalten. Sie entwickeln Routinen, die auch dann noch funktionieren, wenn die Motivation längst verschwunden ist. Sie schaffen Strukturen, die nicht nur für eine Diät gelten, sondern für ihr normales Leben.
Je länger ich darüber nachdenke, desto logischer erscheint mir dieser Gedanke.
Niemand möchte sein ganzes Leben lang „auf Diät“ sein. Niemand möchte ständig verzichten oder jeden Bissen analysieren. Die eigentliche Kunst besteht darin, einen Alltag zu entwickeln, der sich natürlich anfühlt und trotzdem funktioniert.
Genau deshalb sehe ich meine bisherigen Erfolge inzwischen etwas anders. Früher hätte ich ausschließlich auf die Waage geschaut. Heute interessieren mich mindestens genauso sehr die Dinge, die sich im Hintergrund verändert haben. Dass ich weniger über Essen nachdenke. Dass ich bestimmte Situationen anders wahrnehme. Dass ich nicht mehr automatisch zu den gleichen Lösungen greife wie früher.
Auch Glyck spielt dabei für mich eine andere Rolle als zu Beginn. Am Anfang hätte ich wahrscheinlich gefragt, wie viele Kilo dadurch möglich sind. Heute sehe ich den Nutzen eher darin, dass bestimmte Abläufe leichter werden und ich weniger in alte Muster zurückfalle. Nicht als Ersatz für Veränderungen, sondern als Unterstützung dabei.
Am Ende unseres Gesprächs sagte Arlett noch einen Satz, der mir im Kopf geblieben ist.
„Abnehmen ist ein Projekt. Das Gewicht zu halten wird irgendwann zum Leben.“
Vielleicht beschreibt genau das den Unterschied zwischen kurzfristigem Erfolg und echter Veränderung.
Und vielleicht ist das auch die Frage, die wir uns viel früher stellen sollten: Nicht, wie wir möglichst schnell abnehmen. Sondern wie wir später leben wollen.