Das erste mal seit Jahren unter 90 Kilo
Heute Morgen war einer dieser Momente, von denen man vorher gar nicht weiß, ob sie einen überhaupt noch berühren werden.
Ich bin aufgestanden, ins Bad gegangen und habe mich wie jeden Morgen auf die Waage gestellt. Keine große Zeremonie, kein besonderes Ereignis. Ehrlich gesagt hatte ich sogar erwartet, dass sich kaum etwas verändert hat. Die letzten Tage waren gut, aber nicht spektakulär. Genau deshalb musste ich zweimal hinschauen.
Da stand tatsächlich eine Acht vorne.
Für einen kurzen Moment habe ich einfach nur auf die Anzeige geschaut. Nicht weil die Zahl so unglaublich gewesen wäre, sondern weil mir plötzlich bewusst wurde, wie lange ich sie nicht mehr gesehen hatte.
Früher hätte ich wahrscheinlich sofort angefangen zu rechnen. Wie viel habe ich verloren? Wie weit ist es noch bis zum nächsten Ziel? Wie schnell könnte es weitergehen?
Diesmal war der Gedanke ein anderer.
Ich habe mich gefragt, wann ich mich eigentlich zuletzt so gefühlt habe.
Nicht leichter auf der Waage, sondern leichter im Alltag.
Denn wenn ich ehrlich bin, hat die Veränderung schon deutlich früher begonnen. Die Waage hat heute nur bestätigt, was ich in den letzten Wochen immer häufiger bemerkt habe. Die Kleidung sitzt anders. Treppen fallen mir weniger auf. Ich denke nicht mehr ständig darüber nach, was ich als Nächstes essen könnte. Selbst mein neues Profilbild hätte ich vor einigen Monaten wahrscheinlich nie veröffentlicht.
Die Zahl war deshalb weniger der Anfang einer Veränderung als vielmehr ihr sichtbarer Beweis.
Später habe ich Arlett geschrieben. Natürlich konnte ich mir einen kleinen Triumph nicht verkneifen. Ihre Antwort fiel ungefähr so aus, wie ich es erwartet hatte.
Sie hat sich gefreut, aber sie hat mich auch sofort wieder auf den Boden geholt. Sie meinte, dass genau diese Momente wichtig sind, weil sie zeigen, dass der eingeschlagene Weg funktioniert. Gleichzeitig dürfe man den Fehler nicht machen, eine einzelne Zahl mit dem eigentlichen Ziel zu verwechseln.
Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr musste ich ihr recht geben.
Die letzten Wochen waren nie nur ein Kampf gegen die Waage. Eigentlich ging es um etwas ganz anderes. Ich wollte nicht einfach Gewicht verlieren. Ich wollte die ständige Unruhe loswerden. Dieses Gefühl, immer wieder neu anfangen zu müssen. Diese Mischung aus schlechtem Gewissen, Frust und dem Gedanken, dass es ohnehin nicht dauerhaft funktionieren wird.
Genau dort hat sich viel verändert.
Natürlich freue ich mich über die Zahl. Mehr, als ich wahrscheinlich zugeben würde. Aber noch mehr freue ich mich darüber, dass sie nicht mehr mein einziger Maßstab ist. Früher hätte ein einzelner schlechter Tag genügt, um alles infrage zu stellen. Heute sehe ich die Zahl eher als Ergebnis vieler kleiner Entscheidungen, die über Wochen hinweg zusammengekommen sind.
Vielleicht ist das sogar die eigentliche Veränderung.
Nicht die Acht vor dem Komma.
Sondern die Tatsache, dass ich zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl habe, nicht gegen meinen Körper zu arbeiten, sondern mit ihm.
Und genau deshalb fühlt sich dieser Morgen anders an als frühere Erfolge. Nicht wie das Ende einer Diät.
Sondern wie ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.