STIMMT DAS WIRKLICH? MEDIKAMENTE GEHÖREN GRUNDSÄTZLICH NACH DEM ESSEN
„Nimm die Tablette lieber nach dem Essen.“
Diesen Rat hat wahrscheinlich jeder schon einmal gehört. Eltern geben ihn an ihre Kinder weiter, Freunde empfehlen ihn aus eigener Erfahrung und nicht selten wird er sogar ganz selbstverständlich ausgesprochen, ohne dass jemand genauer darüber nachdenkt.
Kein Wunder also, dass viele Menschen überzeugt sind: Medikamente gehören grundsätzlich nach einer Mahlzeit.
Doch genau das stimmt nicht.
Tatsächlich gibt es kaum einen Bereich der Arzneimitteltherapie, in dem pauschale Empfehlungen so problematisch sind wie beim richtigen Einnahmezeitpunkt. Denn Medikamente unterscheiden sich nicht nur in ihrer Wirkung, sondern auch darin, wann sie eingenommen werden sollten. Und genau dieser Zeitpunkt kann darüber entscheiden, ob ein Arzneimittel optimal wirkt oder seine Wirkung teilweise verliert.
Warum ist das so?
Sobald wir etwas essen, verändert sich unser Verdauungssystem. Der Magen füllt sich, der pH-Wert verändert sich, die Magenentleerung verlangsamt sich und Nährstoffe beginnen miteinander zu reagieren. Für viele Medikamente spielt genau das eine entscheidende Rolle.
Ein klassisches Beispiel sind Schilddrüsenhormone wie Levothyroxin. Sie sollten morgens nüchtern mit ausreichend Wasser eingenommen werden. Bereits das Frühstück – insbesondere Kaffee – kann die Aufnahme deutlich vermindern. Wer die Tablette regelmäßig erst nach dem Frühstück einnimmt, wundert sich manchmal über schwankende Blutwerte oder anhaltende Beschwerden, obwohl die Dosierung eigentlich stimmt.
Andere Medikamente wiederum vertragen sich deutlich besser mit einer Mahlzeit. Bestimmte Schmerzmittel können den Magen reizen, wenn sie auf nüchternen Magen eingenommen werden. Hier hilft das Essen, die Verträglichkeit zu verbessern.
Wieder andere Arzneimittel entfalten ihre Wirkung sogar besser, wenn sie gemeinsam mit einer fettreichen Mahlzeit eingenommen werden, weil der Wirkstoff dadurch besser aufgenommen wird.
Und dann gibt es Medikamente, bei denen der zeitliche Abstand zu bestimmten Lebensmitteln besonders wichtig ist. Milchprodukte, Calciumpräparate oder Eisen können beispielsweise die Aufnahme einzelner Antibiotika erheblich beeinträchtigen.
Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass die Frage nicht lautet:
„Vor oder nach dem Essen?“
Sondern vielmehr:
„Was empfiehlt genau dieses Medikament?“
Genau hier liegt eine der wichtigsten Aufgaben der Apotheke. Wir geben nicht nur Medikamente ab. Wir erklären auch, wie sie ihre bestmögliche Wirkung entfalten können. Oft dauert diese Beratung nur wenige Minuten. Ihr Nutzen kann jedoch entscheidend für den Therapieerfolg sein.
Deshalb lohnt sich bei jedem neuen Medikament ein kurzer Blick in die Einnahmehinweise oder ein Gespräch in der Apotheke. Denn eine Tablette wirkt nicht allein deshalb besser, weil sie eingenommen wurde. Sie wirkt dann am besten, wenn sie richtig eingenommen wird.
Die Aussage „Medikamente gehören grundsätzlich nach dem Essen“ gehört deshalb zu den Gesundheitsmythen, die sich hartnäckig halten.
Die richtige Antwort lautet:
Es kommt darauf an.
Und genau deshalb lohnt sich die Frage in Ihrer Apotheke.