Der Körper will benutzt werden – warum unser Alltag den Organismus oft unterfordert
Viele Menschen betrachten körperliche Veränderungen ab einem bestimmten Alter als etwas völlig Normales. Die Kraft nimmt ab, Bewegungen werden vorsichtiger, der Kreislauf reagiert empfindlicher und vieles erscheint anstrengender als früher.
Oft wird dabei angenommen, der Körper „verschleiße“ einfach automatisch.
Doch der menschliche Organismus funktioniert deutlich komplexer.
Der Körper reagiert nicht nur auf Alter — sondern vor allem auf das, was wir täglich von ihm verlangen. Genau darin liegt möglicherweise eines der größten Probleme moderner Lebensgewohnheiten.
Denn während unser Alltag geistig immer anstrengender wird, wird er körperlich gleichzeitig immer passiver.
Viele Menschen sitzen stundenlang. Bewegung wird zunehmend aus dem Alltag entfernt. Wege werden kürzer, Belastungen geringer und Tätigkeiten bequemer. Besonders auffällig wird das häufig ab einem Alter von etwa 50 Jahren.
Gerade dann beginnt der Körper jedoch besonders sensibel auf fehlende Belastungsreize zu reagieren.
Muskulatur baut sich schneller ab, Gleichgewichtsfunktionen werden schlechter trainiert und der Kreislauf erhält weniger Aktivierung. Gleichzeitig entwickeln viele Menschen eine zunehmende Vorsicht im Umgang mit dem eigenen Körper.
Das geschieht oft unbewusst.
Menschen vermeiden Belastungen, gehen vorsichtiger, bewegen sich weniger oder verzichten auf Dinge, die früher selbstverständlich waren. Häufig aus Angst vor Schmerzen, Unsicherheit oder Überforderung.
Doch genau dadurch entsteht häufig ein Kreislauf:
Weniger Belastung führt zu weniger Stabilität. Weniger Stabilität führt zu noch mehr Vorsicht. Und noch mehr Vorsicht reduziert die körperliche Aktivität weiter.
In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass viele Beschwerden deshalb nicht plötzlich entstehen, sondern über Jahre durch schleichende Unterforderung.
Der Organismus scheint gerade mit zunehmendem Alter darauf angewiesen zu sein, benutzt zu werden.
Dabei geht es nicht um Leistungssport oder extreme Belastung. Entscheidend sind regelmäßige Reize:
- Bewegung
- Kraft
- Gleichgewicht
- Aktivität
- Koordination
Der Körper passt sich erstaunlich stark an das an, was regelmäßig von ihm gefordert wird.
Gerade ältere Menschen unterschätzen häufig, wie trainierbar der Organismus auch im späteren Lebensalter noch bleibt. Viele körperliche Fähigkeiten lassen sich erhalten oder zumindest deutlich länger stabilisieren, wenn sie regelmäßig genutzt werden.
In der täglichen Beratung fällt dabei ein weiterer Punkt auf:
Viele Menschen behandeln ihren Körper irgendwann fast wie etwas Zerbrechliches.
Doch der menschliche Organismus ist ursprünglich nicht für dauerhafte Schonung gebaut worden. Er scheint vielmehr auf Aktivität, Belastung und Anpassung ausgelegt zu sein.
Vielleicht beginnt ein Teil des Alterns deshalb nicht dort, wo der Körper älter wird — sondern dort, wo er aufhört, gebraucht zu werden.