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WENN NACHTS PLÖTZLICH ALLES ANDERS WIRD – WARUM PFLEGEBEDÜRFTIGKEIT KEINEN FEIERABEND KENNT

Tagsüber funktioniert es eigentlich noch ganz gut. Ihr Vater bewegt sich mit dem Rollator durch die Wohnung, Ihre Mutter kommt mit etwas Unterstützung zurecht und auch die Medikamente sind inzwischen organisiert. Sie haben das Gefühl, langsam eine gewisse Routine gefunden zu haben.

Und dann kommt die Nacht.

Plötzlich klingelt um halb zwei das Telefon. Die Mutter ist aufgestanden und gestürzt. Der Vater steht zum dritten Mal vor dem Bett, weil er zur Toilette muss. Ein Angehöriger mit Demenz ist überzeugt, dass es längst Morgen sei und beginnt, sich anzuziehen. Oder jemand ruft aus dem Schlafzimmer, weil die Schmerzen wieder stärker geworden sind.

Spätestens dann verändert sich Pflege noch einmal grundlegend. Denn es ist ein großer Unterschied, ob Sie tagsüber regelmäßig helfen oder ob Sie nachts nicht mehr schlafen können.

Gerade diese nächtliche Belastung wird häufig unterschätzt. Von außen sieht die Situation vielleicht weiterhin überschaubar aus. Der Angehörige kann essen, sich unterhalten und mit Unterstützung sogar noch einige Dinge selbst erledigen. Was niemand sieht: Seine Frau steht jede Nacht viermal auf. Oder die Tochter schläft inzwischen mit dem Telefon neben dem Kopf, weil jederzeit ein Anruf kommen könnte.

Aus einigen unterbrochenen Nächten werden Wochen. Aus Wochen werden Monate. Und irgendwann beginnt der Tag bereits mit Erschöpfung.

Warum die Nacht häufig zum Problem wird

Die Gründe für nächtlichen Unterstützungsbedarf sind sehr unterschiedlich. Manche Menschen müssen häufig zur Toilette und benötigen beim Aufstehen oder Gehen Hilfe. Andere können sich aufgrund von Schmerzen nicht selbstständig im Bett bewegen. Bei bestimmten Erkrankungen kommen Unruhe oder Schlafstörungen hinzu.

Besonders herausfordernd kann die Nacht bei einer Demenz werden. Der normale Tag-Nacht-Rhythmus kann sich verändern. Ein Mensch, der am Nachmittag lange geschlafen hat, ist möglicherweise mitten in der Nacht hellwach. Hinzu kommen Orientierungsprobleme. Das dunkle Schlafzimmer wird plötzlich nicht mehr erkannt, Geräusche werden falsch eingeordnet oder der Betroffene versteht nicht, warum alle anderen schlafen.

Dann hilft der Satz „Es ist doch mitten in der Nacht“ manchmal überhaupt nicht.

Für Angehörige ist das schwer auszuhalten. Sie wissen, dass Diskussionen wenig bringen, versuchen es nach der dritten schlaflosen Nacht aber trotzdem. Das ist menschlich. Wer selbst völlig übermüdet ist, reagiert nicht mehr so geduldig wie nach acht Stunden Schlaf.

Genau deshalb sollte nächtliche Pflege nicht nur unter der Frage betrachtet werden, was der Pflegebedürftige benötigt. Es muss auch darum gehen, was die betreuenden Angehörigen auf Dauer leisten können.

Wenn der Weg zur Toilette jede Nacht zum Risiko wird

Ein besonders häufiger Grund für nächtliches Aufstehen ist der Toilettengang. Was früher selbstverständlich war, kann bei eingeschränkter Mobilität plötzlich kompliziert werden. Der Betroffene muss zunächst aus dem Bett kommen, möglicherweise den Rollator erreichen, im Dunkeln den Weg zur Toilette bewältigen und anschließend wieder sicher ins Bett gelangen.

Gleichzeitig ist man nachts nicht vollständig wach. Beim schnellen Aufstehen kann Schwindel auftreten, die Orientierung ist schlechter und Hindernisse werden leichter übersehen. Ein nächtlicher Toilettengang kann deshalb zum Sturzrisiko werden.

Hier helfen manchmal erstaunlich einfache Veränderungen. Eine gute Nachtbeleuchtung kann wichtiger sein als die nächste große Umbaumaßnahme. Der Weg zwischen Bett und Toilette sollte frei sein, notwendige Gehhilfen müssen erreichbar stehen und auch ungeeignete Hausschuhe verdienen einen kritischen Blick.

Wenn ein Mensch plötzlich deutlich häufiger als bisher nachts zur Toilette muss, sollte allerdings auch nach der Ursache gesucht werden. Nicht jede Veränderung ist einfach eine unvermeidbare Alterserscheinung.

Auch Medikamente können die Nacht verändern

Spätestens an dieser Stelle lohnt sich der Blick auf den Medikationsplan. Manche Arzneimittel beeinflussen den Schlaf oder die nächtliche Situation. Entwässernde Medikamente erhöhen beispielsweise die Urinausscheidung. Je nach Therapie kann deshalb auch der Einnahmezeitpunkt eine Rolle spielen. Andere Arzneimittel können Müdigkeit, Benommenheit oder Schwindel begünstigen und dadurch insbesondere beim nächtlichen Aufstehen problematisch werden.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Angehörige Einnahmezeiten selbst verändern oder Medikamente weglassen sollten. Ein Arzneimittel wird aus einem bestimmten medizinischen Grund verordnet. Wenn Sie aber beobachten, dass sich nach einer Therapieänderung auch die Nächte deutlich verändert haben, gehört diese Information in das Gespräch mit Arzt und Apotheke.

Dasselbe gilt für Schmerzen. Wenn Ihr Angehöriger regelmäßig gegen drei Uhr morgens vor Schmerzen aufwacht, obwohl die Behandlung tagsüber gut funktioniert, ist das eine wichtige Beobachtung. Es kann sinnvoll sein, die Schmerztherapie überprüfen zu lassen, anstatt Nacht für Nacht lediglich auf das Problem zu reagieren.

Gerade deshalb ist ein aktueller Medikationsplan im Pflegealltag so wichtig. Bei vielen Arzneimitteln und unterschiedlichen Einnahmezeiten wird die Organisation schnell kompliziert. Unsere Apotheken können dabei unterstützen, den Überblick zu behalten. Bei geeigneten Patienten kann auch die patientenindividuelle Verblisterung helfen, die regelmäßige Medikation nach Einnahmetagen und -zeiten zu strukturieren. Das löst natürlich keine Schlafstörung und verhindert auch keinen nächtlichen Toilettengang. Es kann aber eine Aufgabe aus einem ohnehin komplexen Pflegealltag herausnehmen und sicherer organisieren.

Die schnelle Lösung heißt häufig „Schlaftablette“

Nach mehreren unruhigen Nächten liegt ein Gedanke nahe: Könnte der Arzt nicht einfach etwas zum Schlafen verschreiben?

Manchmal kann eine medikamentöse Behandlung sinnvoll sein. Aber Schlaf- und Beruhigungsmittel sind gerade bei älteren Menschen keine harmlose Universallösung. Abhängig vom Wirkstoff können beispielsweise Benommenheit, eine verminderte Reaktionsfähigkeit oder andere unerwünschte Wirkungen auftreten. Damit kann ausgerechnet die Tablette, die für eine ruhigere Nacht sorgen soll, unter Umständen neue Probleme verursachen.

Deshalb sollte zunächst gefragt werden, warum jemand nachts nicht schläft.

Sind es Schmerzen? Harndrang? Angst? Atembeschwerden? Ein verschobener Tag-Nacht-Rhythmus? Lange Schlafphasen am Nachmittag? Eine ungewohnte Umgebung? Oder möglicherweise eine Arzneimittelwirkung?

Erst wenn die Ursache klarer ist, lässt sich sinnvoll entscheiden, welche Maßnahmen helfen könnten.

Das ist übrigens auch ein gutes Beispiel dafür, warum die Apotheke in der Pflege mehr sein kann als eine Abgabestelle für Medikamente. Wenn Angehörige erzählen, was zu Hause tatsächlich passiert, ergibt sich manchmal ein ganz anderes Bild als aus einer bloßen Medikamentenliste.

Und wer kümmert sich um den Menschen, der nachts aufsteht?

Diese Frage wird erstaunlich selten gestellt.

Wenn eine Ehefrau ihren pflegebedürftigen Mann jede Nacht mehrmals zur Toilette begleitet, ist nicht nur sein Gesundheitszustand relevant. Auch ihre Belastung gehört zur Pflegesituation.

Schlaf lässt sich nicht beliebig ersetzen. Wer über Wochen immer wieder geweckt wird, ist tagsüber müde, weniger konzentriert und irgendwann möglicherweise selbst gesundheitlich angeschlagen. Trotzdem sagen viele Angehörige lange: „Es geht schon.“

Vielleicht geht es tatsächlich noch.

Die wichtigere Frage lautet aber: Wie lange?

Pflege darf nicht darauf beruhen, dass ein zweiter Mensch seine eigene Gesundheit dauerhaft aufbraucht. Wenn die Nächte regelmäßig zur Belastung werden, sollte deshalb frühzeitig über Unterstützung gesprochen werden. Welche Möglichkeiten infrage kommen, hängt von der individuellen Situation ab. Das können organisatorische Veränderungen sein, Hilfsmittel, Unterstützung durch andere Familienmitglieder oder professionelle Angebote.

Manchmal ist bereits die ehrliche Erkenntnis wichtig, dass die nächtliche Versorgung nicht mehr dauerhaft von einer einzigen Person geleistet werden kann.

Nicht jede schlechte Nacht ist gleich ein Pflegeproblem

Natürlich schläft jeder Mensch einmal schlecht. Auch ältere Menschen wachen nachts auf, müssen zur Toilette oder finden nach einem anstrengenden Tag nicht sofort in den Schlaf.

Entscheidend ist die Veränderung.

Wenn aus gelegentlichen unruhigen Nächten ein Muster wird, wenn Stürze auftreten, wenn ein Mensch nachts zunehmend verwirrt ist oder wenn Angehörige dauerhaft nicht mehr schlafen können, sollte die Situation neu betrachtet werden.

Vielleicht hat sich die Erkrankung verändert. Vielleicht muss die Medikation überprüft werden. Vielleicht braucht es ein anderes Hilfsmittel oder eine neue Form der Unterstützung.

Pflege ist nichts Statisches. Was vor drei Monaten noch problemlos funktioniert hat, kann heute bereits nicht mehr ausreichen.

Und gerade nachts zeigt sich diese Veränderung häufig besonders deutlich.

Denn tagsüber lässt sich vieles auffangen. Es kommen Besucher, Termine strukturieren den Tag und Angehörige können sich abwechseln. Nachts wird es still – und plötzlich bleibt nur noch der Mensch im Nebenzimmer, der Hilfe braucht, und derjenige, der beim kleinsten Geräusch wieder aufsteht.

Deshalb gehört zu guter Pflege auch die Frage:

„Wie sind eigentlich Ihre Nächte?“

Nicht nur die Nächte des Pflegebedürftigen.

Auch Ihre.

Denn wenn Pflege rund um die Uhr notwendig wird, muss auch Unterstützung irgendwann über den Tag hinausgedacht werden. Niemand kann dauerhaft 24 Stunden am Tag für einen anderen Menschen da sein.

Und niemand sollte erst vollkommen erschöpft sein müssen, bevor er sich erlaubt, Hilfe anzunehmen.