„ER ISST DOCH NOCH.“ – WARUM GEWICHTSVERLUST IM ALTER ERNST GENOMMEN WERDEN SOLLTE
Wenn ältere Menschen weniger essen, fällt das in Familien häufig zunächst kaum auf. Die Portionen werden etwas kleiner, beim gemeinsamen Mittagessen bleibt häufiger etwas auf dem Teller und irgendwann heißt es: „Ich habe heute keinen großen Hunger.“ Das erscheint nicht ungewöhnlich. Schließlich verändert sich der Körper im Alter, der Energiebedarf sinkt und nicht jeder Mensch hat mit 80 Jahren noch denselben Appetit wie mit 50. Problematisch wird es allerdings, wenn aus dem kleineren Appetit langsam ein ungewollter Gewichtsverlust entsteht. Dann sitzt die Hose plötzlich weiter, der Gürtel braucht ein zusätzliches Loch und beim Aufstehen aus dem Sessel fehlt zunehmend die Kraft. Spätestens jetzt sollten Angehörige genauer hinschauen.
Mangelernährung ist nämlich keineswegs nur ein anderes Wort für Untergewicht. Auch ein Mensch, der äußerlich normalgewichtig oder sogar übergewichtig erscheint, kann unzureichend mit Energie, Eiweiß oder bestimmten Nährstoffen versorgt sein. Gerade bei älteren und pflegebedürftigen Menschen kann das erhebliche Folgen haben, weil neben Körpergewicht auch Muskelmasse verloren gehen kann. Genau diese Muskeln werden aber benötigt, um aufzustehen, zu gehen, Treppen zu steigen und das Gleichgewicht zu halten. Ernährung, Mobilität und Selbstständigkeit hängen deshalb enger zusammen, als man zunächst vermuten würde.
Das Tückische daran ist, dass Mangelernährung selten mit einem eindeutigen Ereignis beginnt. Viel häufiger sind es viele kleine Veränderungen. Vielleicht schmeckt das Essen nicht mehr so intensiv wie früher. Vielleicht sitzt die Zahnprothese nicht richtig und das Kauen wird unangenehm. Ein trockener Mund kann das Essen erschweren, ebenso Verstopfung, Schmerzen oder Übelkeit. Nach einem Schlaganfall, bei Parkinson oder anderen Erkrankungen können Schluckstörungen hinzukommen. Manchmal fehlt schlicht die Kraft, selbst einzukaufen und zu kochen.
Und dann gibt es Ursachen, die auf keinem Laborzettel stehen.
Wer 50 Jahre lang gemeinsam mit seinem Ehepartner gefrühstückt und zu Mittag gegessen hat, für den ist Essen mehr als Nahrungsaufnahme. Stirbt der Partner, bleibt nicht nur ein leerer Stuhl am Tisch zurück. Manchmal verschwindet auch die Lust, für sich allein zu kochen. Das warme Mittagessen wird durch ein belegtes Brot ersetzt, später reicht ein Joghurt und irgendwann besteht das Abendessen aus einer Tasse Tee und zwei Keksen. Fragt die Tochter am Telefon, ob etwas gegessen wurde, lautet die Antwort trotzdem: „Natürlich.“
Das ist nicht unbedingt eine bewusste Täuschung. Die Wahrnehmung dessen, was eine ausreichende Mahlzeit ist, kann sich verändern. Deshalb lohnt es sich für Angehörige, gelegentlich nicht nur zu fragen, ob gegessen wurde, sondern darauf zu achten, was und wie viel tatsächlich gegessen wird.
Bei Menschen mit Demenz kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu. Sie können vergessen, dass eine Mahlzeit bereitsteht, Lebensmittel nicht mehr richtig zuordnen oder Schwierigkeiten mit Messer und Gabel entwickeln. Manche stehen während des Essens immer wieder auf, andere lehnen Speisen ab, die sie jahrzehntelang gerne gegessen haben. In solchen Situationen führt es selten weiter, darüber zu diskutieren, was früher funktioniert hat. Entscheidend ist, herauszufinden, was heute funktioniert. Kleine Portionen können besser angenommen werden als ein voller Teller. Manchmal erleichtert Fingerfood das selbstständige Essen. Und häufig wird in Gesellschaft deutlich mehr gegessen als allein.
Wenn aus weniger Essen weniger Kraft wird
Besonders wichtig ist im Alter der Blick auf die Muskulatur. Verliert ein älterer Mensch Gewicht, verliert er unter Umständen nicht nur Fett, sondern auch Muskelmasse. Dadurch kann eine Entwicklung entstehen, die sich selbst verstärkt: Weniger Essen führt zu weniger Kraft, dadurch fällt Bewegung schwerer, die Aktivität nimmt ab und weitere Muskulatur geht verloren. Das Aufstehen wird mühsamer, das Gehen unsicherer und irgendwann kann auch das Sturzrisiko steigen.
Deshalb sollte Ernährung im Alter nicht ausschließlich unter der Frage betrachtet werden, wie viele Kalorien ein Mensch zu sich nimmt. Auch die ausreichende Versorgung mit Eiweiß und anderen Nährstoffen spielt eine wichtige Rolle. Wie diese Ernährung konkret aussehen sollte, hängt allerdings vom individuellen Gesundheitszustand ab. Gerade bei bestimmten Erkrankungen können besondere Anforderungen gelten. Pauschale Empfehlungen nach dem Motto „Senioren müssen einfach mehr Eiweiß essen“ greifen deshalb zu kurz.
Ähnlich verhält es sich mit Trinknahrung. Sie kann bei drohender oder bestehender Mangelernährung eine sehr sinnvolle Unterstützung sein und zusätzliche Energie, Eiweiß und Nährstoffe liefern. Sie sollte aber nicht dazu führen, dass die eigentliche Ursache des Gewichtsverlusts übersehen wird. Wenn eine schlecht sitzende Zahnprothese Schmerzen verursacht, löst eine Flasche Trinknahrung das Zahnproblem nicht. Wenn eine Schluckstörung besteht, muss diese erkannt und berücksichtigt werden. Und wenn ein Mensch nicht mehr essen möchte, weil jede Mahlzeit allein stattfindet, kann möglicherweise ein gemeinsames Mittagessen mehr verändern als das nächste Nahrungsergänzungsprodukt.
Gerade Angehörige geraten hier leicht in einen verständlichen Konflikt. Sie sehen, dass Vater oder Mutter immer weniger isst, und beginnen, jeden Bissen zu beobachten. Aus Sorge werden Mahlzeiten dann schnell zu Verhandlungen: „Nur noch drei Löffel.“ – „Du hast heute noch gar nichts gegessen.“ – „Iss wenigstens die Kartoffeln.“
Je größer der Druck wird, desto unangenehmer kann jedoch das Essen für den Betroffenen werden. Deshalb sollte bei aller Sorge versucht werden, Mahlzeiten nicht ausschließlich als medizinische Aufgabe zu betrachten. Essen darf weiterhin schmecken, vertraut sein und Freude machen. Das Lieblingsgericht kann manchmal wertvoller sein als ein theoretisch perfekter Speiseplan, der unangetastet auf dem Tisch stehen bleibt.
Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Angehöriger tatsächlich Gewicht verliert, kann eine regelmäßige Gewichtskontrolle sinnvoll sein. Dafür muss niemand jeden Morgen auf die Waage. Viel wichtiger ist, unter vergleichbaren Bedingungen in regelmäßigen Abständen zu kontrollieren und die Werte aufzuschreiben. So wird aus dem subjektiven Eindruck „Papa ist irgendwie dünner geworden“ eine Entwicklung, die sich nachvollziehen und gegebenenfalls auch mit dem Arzt besprechen lässt.
Auch die Medikamente gehören auf den Tisch
Gerade bei pflegebedürftigen Menschen sollte bei Veränderungen von Appetit und Gewicht auch die Arzneimitteltherapie betrachtet werden. Manche Medikamente können beispielsweise Übelkeit, Mundtrockenheit oder Veränderungen des Geschmacks verursachen und dadurch indirekt beeinflussen, wie gerne und wie viel ein Mensch isst. Gleichzeitig können sich Arzneimittel und Ernährung gegenseitig beeinflussen. Deshalb ist es wichtig, Medikamente niemals eigenmächtig abzusetzen, nur weil seit Beginn einer Behandlung weniger gegessen wird.
Hier kann auch die Apotheke vor Ort eine wichtige Rolle übernehmen. Wenn Sie feststellen, dass sich nach einer Veränderung der Medikation der Appetit, das Gewicht oder das allgemeine Befinden deutlich verändert hat, sprechen Sie uns darauf an. Gerade bei Menschen, die viele Arzneimittel gleichzeitig einnehmen, lohnt sich der Blick auf die gesamte Therapie und nicht nur auf eine einzelne Tablette.
Unsere Apotheken unterstützen Patienten und Angehörige außerdem dabei, eine umfangreiche Dauermedikation übersichtlich zu organisieren. Bei geeigneten Patienten kann beispielsweise die patientenindividuelle Verblisterung sinnvoll sein. Die Medikamente werden dabei entsprechend den vorgesehenen Einnahmezeitpunkten zusammengestellt. Gerade wenn Pflegebedürftigkeit zunimmt und Angehörige immer mehr Aufgaben übernehmen, kann das einen Teil des täglichen Organisationsaufwands reduzieren.
Allerdings gilt auch hier: Eine perfekt organisierte Medikamenteneinnahme ersetzt nicht die Beobachtung des Menschen. Wenn jemand seine Medikamente zuverlässig erhält, gleichzeitig aber immer weniger isst, Gewicht verliert und zunehmend schwächer wird, stimmt trotzdem etwas nicht.
Dasselbe gilt für Nahrungsergänzungsmittel. Der Griff zu Vitaminen und Mineralstoffen liegt nahe, wenn ein älterer Mensch wenig isst. Doch nicht jeder Gewichtsverlust ist die Folge eines Vitaminmangels und nicht jede Müdigkeit bedeutet automatisch Eisenmangel. Besteht der Verdacht auf einen konkreten Mangel, sollte gezielt geklärt werden, ob tatsächlich einer vorliegt und welche Ergänzung sinnvoll ist. Auch hierbei kann die Apotheke beraten und einschätzen, wann zusätzlich eine ärztliche Abklärung erforderlich ist.
Besonders aufmerksam sollten Angehörige immer dann werden, wenn sich etwas deutlich verändert. Ein Mensch, der sein Leben lang gerne gegessen hat und innerhalb weniger Wochen kaum noch Appetit hat, sollte nicht mit dem Satz „Das ist eben das Alter“ abgespeist werden. Das gilt umso mehr, wenn gleichzeitig Gewicht verloren geht, Schwäche auftritt oder weitere Beschwerden hinzukommen. Ungewollter und fortschreitender Gewichtsverlust gehört medizinisch abgeklärt.
Nicht nur auf den Teller schauen
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis für den Pflegealltag: Wenn ein älterer Mensch immer weniger isst, hilft es nicht, ausschließlich auf seinen Teller zu schauen.
Schauen Sie auf den Menschen.
Kann er noch problemlos kauen? Kann er sicher schlucken? Hat er Schmerzen? Ist ihm übel? Ist der Mund ständig trocken? Hat sich seine Medikation verändert? Kann er überhaupt noch selbst einkaufen und kochen? Und nicht zuletzt: Sitzt er jeden Mittag allein vor seinem Essen?
Manchmal steckt hinter dem halb vollen Teller ein medizinisches Problem. Manchmal ein praktisches. Und manchmal ist es schlicht Einsamkeit.
Deshalb sollte die erste Frage nicht lauten:
„Wie bekommen wir mehr Kalorien in diesen Menschen?“
Die bessere Frage lautet:
„Warum isst er nicht mehr so wie früher?“
Erst wenn wir darauf eine Antwort haben, können wir wirklich sinnvoll helfen.