WENN DAS SCHLUCKEN PLÖTZLICH SCHWERFÄLLT – EIN WARNZEICHEN, DAS ANGEHÖRIGE ERNST NEHMEN SOLLTEN
Ein Husten beim Trinken.
Ein Räuspern nach dem Essen.
Die Tablette, die angeblich immer im Hals stecken bleibt.
Zunächst wirken solche Beobachtungen vielleicht nebensächlich. Schließlich verschluckt sich jeder einmal.
Wenn dies bei einem älteren oder pflegebedürftigen Menschen jedoch regelmäßig passiert, sollten Angehörige genauer hinschauen.
Denn hinter den Beschwerden kann eine Schluckstörung – medizinisch Dysphagie genannt – stecken.
Und die betrifft weit mehr als nur das Essen.
Schlucken ist komplizierter, als wir denken
Solange es funktioniert, denken wir nicht darüber nach.
Wir nehmen einen Schluck Wasser, kauen ein Stück Brot und schlucken.
Dabei müssen zahlreiche Muskeln und Nerven innerhalb kürzester Zeit exakt zusammenspielen. Gleichzeitig muss verhindert werden, dass Nahrung oder Flüssigkeit in die Atemwege gelangt.
Mit zunehmendem Alter können diese Abläufe schwieriger werden. Besonders häufig treten Schluckstörungen außerdem im Zusammenhang mit neurologischen Erkrankungen auf, beispielsweise nach einem Schlaganfall, bei Parkinson oder bei fortgeschrittener Demenz.
Auch andere Erkrankungen können dahinterstecken.
Deshalb sollten neu auftretende oder zunehmende Schluckprobleme nicht einfach als normale Alterserscheinung abgetan werden.
Woran können Sie eine Schluckstörung erkennen?
Nicht jeder Betroffene sagt:
„Ich kann nicht mehr richtig schlucken.“
Oft sind es Angehörige, denen zunächst Veränderungen auffallen.
Achten Sie beispielsweise darauf, ob Ihr Angehöriger
- häufig beim Essen oder Trinken hustet
- sich ungewöhnlich oft räuspert
- Mahlzeiten plötzlich sehr lange dauern
- bestimmte Lebensmittel vermeidet
- nur noch kleine Bissen isst
- nach dem Schlucken eine verändert oder „feucht“ klingende Stimme hat
- Essen im Mund zurückbehält
- zunehmend Gewicht verliert
- Tabletten nur noch schwer schlucken kann
Auch wiederkehrende Atemwegsinfektionen können ein Hinweis sein.
Das Tückische dabei: Nicht jeder Mensch hustet, wenn etwas in die Atemwege gelangt. Eine sogenannte stille Aspiration kann ohne den sonst typischen Hustenreiz auftreten.
Warum Verschlucken gefährlich werden kann
Beim normalen Schlucken gelangen Speisen und Getränke über die Speiseröhre in den Magen.
Gelangen Bestandteile stattdessen in die Atemwege, spricht man von einer Aspiration.
Das kann unterschiedliche Folgen haben. Besonders problematisch wird es, wenn dadurch eine Lungenentzündung entsteht.
Hinzu kommt ein zweites Problem.
Wer Angst vor dem Verschlucken entwickelt, beginnt häufig weniger zu essen und zu trinken.
Das kann wiederum Gewichtsverlust, Mangelernährung und Flüssigkeitsmangel begünstigen.
Aus einem zunächst kleinen Problem kann deshalb ein Kreislauf entstehen:
Schluckbeschwerden – Angst vor dem Essen und Trinken – geringere Aufnahme – Schwäche – noch größere Probleme beim Essen.
Beobachten Sie nicht nur das Essen
Manchmal fällt eine Schluckstörung zuerst beim Trinken auf.
Wasser und andere dünnflüssige Getränke bewegen sich sehr schnell durch Mund und Rachen. Für manche Menschen sind sie deshalb schwieriger zu kontrollieren als Speisen mit einer anderen Konsistenz.
Bei anderen Betroffenen bereiten gerade trockene oder krümelige Lebensmittel Probleme.
Welche Konsistenz geeignet ist, hängt von der Art der Schluckstörung ab.
Deshalb sollten Sie nicht auf eigene Faust sämtliche Speisen pürieren oder Getränke andicken.
Eine professionelle Beurteilung kann zeigen, welche Anpassungen tatsächlich sinnvoll sind.
Schluckstörungen gehören abgeklärt
Wenn Ihnen wiederholt Probleme auffallen, sprechen Sie mit dem behandelnden Arzt.
Je nach Ursache können weitere Untersuchungen und eine logopädische Schluckdiagnostik beziehungsweise Schlucktherapie sinnvoll sein.
Dabei geht es nicht nur darum festzustellen, ob eine Schluckstörung besteht.
Entscheidend ist auch:
Was genau funktioniert beim Schlucken nicht mehr richtig?
Erst dann können geeignete Maßnahmen ausgewählt werden.
Essen soll trotzdem Essen bleiben
Bei aller medizinischen Notwendigkeit darf ein wichtiger Punkt nicht verloren gehen.
Essen bedeutet Lebensqualität.
Der gemeinsame Kaffee am Nachmittag, das Lieblingsgericht am Sonntag oder das Frühstück mit dem Ehepartner sind weit mehr als reine Nahrungsaufnahme.
Wenn wegen einer Schluckstörung plötzlich alles püriert, verändert oder verboten wird, kann Essen seinen Genuss verlieren.
Das Ziel sollte deshalb nicht sein, den Speiseplan möglichst radikal einzuschränken.
Es sollte darum gehen, eine möglichst sichere Form des Essens und Trinkens zu finden, die gleichzeitig noch Freude bereitet.
Und was passiert mit den Tabletten?
Spätestens hier wird die Schluckstörung auch zu einem pharmazeutischen Thema.
Denn viele pflegebedürftige Menschen müssen täglich mehrere Arzneimittel einnehmen.
Wenn das Schlucken einer Tablette schwerfällt, erscheint die vermeintliche Lösung naheliegend:
Tablette zerdrücken, in Joghurt geben – fertig.
So einfach ist es leider nicht.
Nicht jede Tablette darf zerkleinert werden.
Bei bestimmten Arzneiformen kann das Zerdrücken dazu führen, dass sich die Wirkstofffreisetzung verändert. Das betrifft beispielsweise bestimmte Retardpräparate, bei denen der Wirkstoff bewusst über einen längeren Zeitraum abgegeben werden soll.
Auch Kapseln dürfen nicht grundsätzlich geöffnet werden.
Deshalb gilt:
Zerkleinern, teilen oder öffnen Sie ein Arzneimittel bei Schluckproblemen nicht eigenmächtig.
Manchmal gibt es eine bessere Arzneiform
Wenn eine Tablette nicht mehr sicher geschluckt werden kann, bedeutet das nicht automatisch, dass auf die Therapie verzichtet werden muss.
Für manche Wirkstoffe stehen alternative Darreichungsformen zur Verfügung.
Je nach Arzneimittel können beispielsweise flüssige Zubereitungen oder andere geeignete Arzneiformen infrage kommen.
Ob ein Wechsel möglich und sinnvoll ist, muss individuell geprüft werden.
Genau hier kann die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheke besonders hilfreich sein.
Aus der Apotheke vor Ort: Bitte nicht einfach mörsern
Gerade in der Pflege erleben wir immer wieder, dass Angehörige vor einem ganz praktischen Problem stehen:
Der Medikamentenplan ist vorhanden – aber der Patient bekommt die Arzneimittel kaum noch herunter.
Sprechen Sie uns in diesem Fall an.
Ihre Apotheke kann prüfen, welche Arzneimittel geteilt oder gegebenenfalls zerkleinert werden dürfen und bei welchen Präparaten dies problematisch wäre. Außerdem kann geprüft werden, ob geeignete alternative Arzneiformen verfügbar sind und eine Rücksprache mit dem behandelnden Arzt sinnvoll ist.
Bei umfangreicher Dauermedikation kann eine patientenindividuelle Verblisterung weiterhin helfen, die Einnahme nach Tag und Zeitpunkt zu strukturieren.
Eine wichtige Einschränkung gehört jedoch dazu:
Eine Verblisterung löst keine Schluckstörung.
Wenn ein Patient die enthaltenen Tabletten nicht mehr sicher schlucken kann, muss die Arzneimitteltherapie neu betrachtet werden. Genau deshalb ist die persönliche Betreuung durch Apotheke und Arzt so wichtig.
Machen Sie keinen Kampf aus dem Essen
„Du musst noch etwas essen.“
„Nur noch drei Löffel.“
„Du hast heute fast nichts gegessen.“
Für Angehörige ist es schwer auszuhalten, wenn ein geliebter Mensch immer weniger isst.
Doch Druck kann dazu führen, dass Mahlzeiten zunehmend mit Angst und Stress verbunden werden.
Versuchen Sie stattdessen herauszufinden, warum das Essen schwerfällt.
Fehlt der Appetit?
Schmerzt etwas?
Sitzt eine Zahnprothese nicht mehr richtig?
Ist der Mund sehr trocken?
Oder besteht tatsächlich eine Schluckstörung?
Erst wenn die Ursache bekannt ist, lässt sich sinnvoll helfen.
Unser Fazit
Schluckstörungen gehören zu den Problemen, die im Pflegealltag leicht übersehen werden.
Ein gelegentliches Räuspern erscheint harmlos. Eine Tablette bleibt eben manchmal hängen. Das Essen dauert im Alter schließlich länger.
Doch wenn solche Veränderungen häufiger auftreten, lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Beobachten Sie Ihren Angehörigen beim Essen und Trinken. Nehmen Sie wiederholtes Husten, Gewichtsverlust oder Probleme mit Tabletten ernst und lassen Sie anhaltende Beschwerden abklären.
Und verändern Sie Medikamente niemals eigenmächtig, nur damit sie leichter geschluckt werden können.
Denn bei einer Schluckstörung geht es nicht nur darum, dass ein Mensch weiterhin essen, trinken und seine Medikamente einnehmen kann.
Es geht darum, dass er es möglichst sicher kann.