Skip to main content

„ICH HABE KEINEN DURST.“ – WARUM ZU WENIG TRINKEN IM ALTER SCHNELL ZUM PROBLEM WERDEN KANN

„Hast du heute genug getrunken?“

„Natürlich.“

„Wie viel denn?“

„Genug.“

Wer einen älteren Angehörigen betreut, kennt solche Gespräche vielleicht. Auf dem Tisch steht morgens ein Glas Wasser, am Nachmittag ist es immer noch halb voll und auf die Frage nach dem Trinken folgt die überzeugte Antwort, dass selbstverständlich ausreichend getrunken wurde.

Für Angehörige kann das frustrierend sein.

Dabei steckt dahinter häufig weder Sturheit noch Nachlässigkeit. Im Alter kann das Durstgefühl nachlassen. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Gründe, warum ältere Menschen bewusst weniger trinken.

Manche möchten nachts nicht so häufig zur Toilette. Andere haben Angst, es wegen einer eingeschränkten Mobilität nicht rechtzeitig dorthin zu schaffen. Bei Schluckbeschwerden wird das Trinken unangenehm. Menschen mit Demenz vergessen möglicherweise schlicht, zum Glas zu greifen.

Aus einem scheinbar kleinen Problem kann dann innerhalb relativ kurzer Zeit ein ernstes werden.

Warum Flüssigkeit im Alter so wichtig ist

Wasser wird praktisch überall im Körper benötigt. Es spielt unter anderem eine Rolle für Kreislauf, Nierenfunktion, Verdauung und Temperaturregulation.

Fehlt Flüssigkeit, kann sich das bei älteren Menschen sehr unterschiedlich bemerkbar machen.

Mögliche Hinweise sind beispielsweise:

  • trockener Mund
  • Müdigkeit und Schwäche
  • Kopfschmerzen
  • Verstopfung
  • Schwindel
  • Konzentrationsprobleme
  • ungewöhnliche Unruhe oder Verwirrtheit
  • deutlich weniger oder sehr dunkler Urin

Gerade Verwirrtheit wird leicht ausschließlich dem Alter oder einer bestehenden Demenz zugeschrieben. Eine plötzlich auftretende Veränderung sollte jedoch nicht einfach damit erklärt werden.

„Dann muss sie eben mehr trinken“ funktioniert häufig nicht

Für Angehörige klingt die Lösung zunächst einfach.

Man stellt eine große Flasche Wasser auf den Tisch und bittet den Betroffenen, sie bis zum Abend auszutrinken.

In der Praxis funktioniert das erstaunlich selten.

Eine Flasche erinnert nicht ans Trinken. Und für jemanden, der kaum Durst empfindet, können eineinhalb Liter Wasser sogar wie eine kaum zu bewältigende Aufgabe aussehen.

Häufig funktionieren kleinere Portionen besser.

Ein Glas zum Frühstück.

Ein Getränk zum Mittagessen.

Eine Tasse Tee am Nachmittag.

Ein Glas zum Abendessen.

Dazwischen immer wieder kleine Mengen anbieten.

So wird aus der großen Tagesaufgabe eine Reihe kleiner Gewohnheiten.

Es muss nicht immer Wasser sein

Nicht jeder Mensch trinkt gerne Mineralwasser.

Das muss er auch nicht.

Je nach individueller Situation können beispielsweise ungesüßte Tees oder andere geeignete Getränke Abwechslung bringen. Auch Lebensmittel mit einem hohen Flüssigkeitsanteil können zur Versorgung beitragen.

Entscheidend ist, eine Lösung zu finden, die tatsächlich angenommen wird.

Wenn Ihr Vater seit 70 Jahren keinen Kräutertee mag, wird sich das vermutlich auch mit einem Pflegegrad nicht ändern.

Pflege funktioniert selten dadurch, einem Menschen alle bisherigen Gewohnheiten abzugewöhnen.

Machen Sie das Trinken möglichst einfach

Manchmal liegt das Problem gar nicht beim Durst.

Eine schwere Glasflasche lässt sich mit Arthrose möglicherweise kaum öffnen. Eine große Tasse kann bei eingeschränkter Kraft schwer zu halten sein. Bei einem Tremor wird ein randvolles Glas zur Herausforderung.

Beobachten Sie deshalb genau.

Kann Ihr Angehöriger die Flasche selbst öffnen?

Kann er das Glas sicher greifen?

Kann er sich selbst einschenken?

Erreicht er das Getränk überhaupt bequem?

Manchmal löst ein anderes Trinkgefäß mehr als die wiederholte Aufforderung: „Du musst mehr trinken.“

Bei Demenz gelten andere Regeln

Bei einer Demenz kann die Situation komplizierter werden.

Ein Getränk steht zwar auf dem Tisch, wird aber nicht als Aufforderung zum Trinken wahrgenommen. Manche Menschen vergessen innerhalb kurzer Zeit, dass ihnen gerade etwas angeboten wurde.

Hier können feste Rituale helfen.

Getränke werden beispielsweise immer zu bestimmten Tageszeiten angeboten oder mit vertrauten Tätigkeiten verbunden.

Auch Angehörige sollten beobachten, welche Getränke besonders gerne angenommen werden.

In dieser Situation ist nicht entscheidend, was theoretisch das perfekte Getränk wäre.

Entscheidend ist zunächst, dass ausreichend Flüssigkeit aufgenommen wird – soweit keine medizinischen Gründe dagegensprechen.

Aber wie viel sollte ein älterer Mensch trinken?

Genau hier ist Vorsicht mit pauschalen Regeln geboten.

Häufig werden feste Mengen genannt, die angeblich jeder Mensch täglich trinken müsse. Der tatsächliche Flüssigkeitsbedarf hängt jedoch unter anderem von Körpergröße, Ernährung, körperlicher Aktivität, Umgebungstemperatur und Gesundheitszustand ab.

Vor allem bei bestimmten Herz- oder Nierenerkrankungen kann eine individuell festgelegte Flüssigkeitsmenge notwendig sein.

Deshalb gilt:

Mehr trinken ist nicht automatisch immer besser.

Wenn Ärzte eine bestimmte Trinkmenge empfohlen oder eine Flüssigkeitsbegrenzung festgelegt haben, sollte diese berücksichtigt werden.

Ein Trinkplan kann überraschend hilfreich sein

Wenn niemand mehr genau weiß, wie viel tatsächlich getrunken wurde, kann für einige Tage ein einfaches Trinkprotokoll sinnvoll sein.

Nicht als lebenslange Kontrollmaßnahme.

Sondern um ein realistisches Bild zu bekommen.

Denn zwischen „Er trinkt eigentlich ganz gut“ und der tatsächlich aufgenommenen Menge kann ein erheblicher Unterschied liegen.

Besonders hilfreich kann das sein, wenn mehrere Personen an der Pflege beteiligt sind.

Dann weiß die Tochter am Nachmittag, was der Pflegedienst morgens bereits angeboten hat – und der Ehepartner muss am Abend nicht raten.

Aus der Apotheke vor Ort: Auch Medikamente können eine Rolle spielen

Bei Problemen mit dem Flüssigkeitshaushalt lohnt sich ebenfalls ein Blick auf die Arzneimittel.

Ein bekanntes Beispiel sind entwässernde Medikamente, sogenannte Diuretika. Sie werden unter anderem bei bestimmten Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt und erhöhen die Ausscheidung von Wasser über die Nieren.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass solche Medikamente eigenmächtig reduziert oder abgesetzt werden dürfen.

Im Gegenteil: Sie erfüllen häufig eine wichtige therapeutische Aufgabe.

Wenn jedoch Schwindel, ungewöhnliche Schwäche, Kreislaufprobleme oder Veränderungen beim Wasserlassen auftreten, sollten Arzt und Apotheke wissen, welche Medikamente eingenommen werden.

Gerade bei älteren Menschen mit mehreren Arzneimitteln lohnt es sich, die gesamte Medikation im Blick zu behalten.

Unsere Apotheken unterstützen Patienten und Angehörige deshalb bei Fragen zur Einnahme und zum Medikationsplan. Bei geeigneten Patienten kann zudem eine patientenindividuelle Verblisterung die regelmäßige Arzneimittelversorgung strukturieren.

Denn im Pflegealltag hängen die Dinge häufig zusammen: Trinken, Essen, Medikamente und Tagesablauf lassen sich nicht immer getrennt voneinander betrachten.

Wenn plötzlich etwas anders ist

Besonders aufmerksam sollten Sie werden, wenn sich der Zustand Ihres Angehörigen innerhalb kurzer Zeit deutlich verändert.

Ist er ungewöhnlich schläfrig?

Plötzlich stark verwirrt?

Sehr schwach?

Kann er kaum noch trinken?

Kommt zusätzlich Erbrechen oder Durchfall hinzu?

Dann sollte nicht tagelang versucht werden, das Problem allein mit einem zusätzlichen Glas Wasser zu lösen. Eine ausgeprägte Austrocknung kann insbesondere bei älteren oder vorerkrankten Menschen medizinisch relevant werden und sollte entsprechend beurteilt werden.

Machen Sie das Trinken nicht zum täglichen Streit

„Du musst trinken!“

„Ich habe doch getrunken!“

„Nein, hast du nicht!“

Wenn sich dieses Gespräch fünfmal am Tag wiederholt, wird das Thema für beide Seiten zur Belastung.

Versuchen Sie deshalb, Trinken weniger als permanente Aufforderung und stärker als selbstverständlichen Bestandteil des Tages zu organisieren.

Stellen Sie Getränke sichtbar und erreichbar bereit.

Bieten Sie kleinere Mengen häufiger an.

Nutzen Sie vertraute Gewohnheiten.

Und finden Sie heraus, warum Ihr Angehöriger wenig trinkt.

Denn hinter dem Satz „Ich habe keinen Durst“ kann manchmal etwas ganz anderes stecken:

„Dann muss ich wieder zur Toilette und ich habe Angst, dass ich es nicht schaffe.“

Wer das versteht, kann nicht nur das Trinken verbessern.

Er kann das eigentliche Problem lösen.

Unser Fazit

Ausreichendes Trinken klingt nach einer Selbstverständlichkeit.

Im Pflegealltag ist es das häufig nicht.

Das nachlassende Durstgefühl, Erkrankungen, Medikamente, eingeschränkte Beweglichkeit, Schluckprobleme oder eine Demenz können dazu führen, dass ein älterer Mensch deutlich weniger Flüssigkeit aufnimmt.

Beobachten Sie deshalb nicht nur, ob Ihr Angehöriger trinkt.

Fragen Sie sich auch, warum er es möglicherweise nicht tut.

Denn gute Pflege bedeutet manchmal nicht, noch häufiger zu sagen:

„Du musst mehr trinken.“

Sondern herauszufinden, warum das Glas seit Stunden unberührt auf dem Tisch steht.