WENN DER EIGENE VATER PLÖTZLICH HILFE BEIM DUSCHEN BRAUCHT
Es gibt Momente, auf die man sich nicht vorbereiten kann.
Nicht mit einem Ratgeber.
Nicht mit einem Gespräch.
Nicht mit noch so vielen Informationen.
Einer dieser Momente ist erreicht, wenn der eigene Vater plötzlich Hilfe beim Duschen benötigt.
Oder wenn Ihre Mutter Sie zum ersten Mal bittet, beim Anziehen zu helfen.
Für viele Angehörige ist das einer der emotional schwierigsten Augenblicke überhaupt.
Denn plötzlich verändern sich die Rollen.
Aus Kindern werden Helfer
Ein Leben lang waren es Ihre Eltern, die sich um Sie gekümmert haben.
Sie haben Ihnen beim Anziehen geholfen.
Sie haben Sie getröstet.
Sie haben Ihnen das Fahrradfahren beigebracht.
Sie waren da, wenn Sie krank waren.
Und nun stehen Sie selbst vor Ihrem Vater oder Ihrer Mutter und helfen bei den alltäglichsten Dingen.
Für viele Angehörige fühlt sich das zunächst falsch an.
Nicht, weil sie nicht helfen möchten.
Sondern weil sie ihre Eltern immer als starke, selbstständige Menschen erlebt haben.
Scham gehört oft dazu
Auch für den pflegebedürftigen Menschen ist diese Situation häufig belastend.
Viele ältere Menschen schämen sich.
Sie möchten niemandem zur Last fallen.
Sie möchten ihre Intimsphäre bewahren.
Sie entschuldigen sich sogar dafür, Hilfe zu benötigen.
Manche versuchen deshalb, möglichst lange alles allein zu schaffen.
Nicht selten mit dem Risiko zu stürzen oder sich zu verletzen.
Selbstständigkeit bedeutet Würde
Wenn ein Mensch Hilfe benötigt, heißt das nicht, dass er alles nicht mehr selbst erledigen kann.
Vielleicht kann Ihr Vater sein Gesicht noch selbst waschen.
Vielleicht kann Ihre Mutter ihre Haare selbst kämmen.
Vielleicht gelingt das Anziehen mit etwas mehr Zeit noch ohne Unterstützung.
Lassen Sie deshalb alles selbst erledigen, was noch möglich ist.
Nicht weil Sie Arbeit sparen.
Sondern weil Selbstständigkeit Lebensqualität bedeutet.
Jede Handlung, die ein Mensch selbst ausführen kann, stärkt sein Selbstwertgefühl.
Hilfe bedeutet nicht, alles zu übernehmen
Viele Angehörige handeln aus Fürsorge.
Sie möchten den Alltag erleichtern und übernehmen deshalb immer mehr Aufgaben.
Doch manchmal geschieht genau das Gegenteil.
Wer einem Menschen jede Tätigkeit abnimmt, nimmt ihm unter Umständen auch ein Stück Selbstständigkeit.
Fragen Sie deshalb lieber:
„Wobei kann ich Sie unterstützen?“
Statt automatisch alles selbst zu übernehmen.
Oft genügt bereits eine kleine Hilfe.
Ein Handtuch bereitlegen.
Beim Einsteigen in die Dusche Sicherheit geben.
Die Kleidung bereitlegen.
Oder einfach in der Nähe bleiben.
Sicherheit geht immer vor
Gerade das Badezimmer gehört zu den gefährlichsten Orten im Haushalt.
Nasse Fliesen, hohe Badewannen und fehlende Haltegriffe erhöhen das Sturzrisiko erheblich.
Schon kleine Veränderungen können den Alltag sicherer machen.
Dazu gehören beispielsweise
- rutschhemmende Matten,
- Haltegriffe,
- Duschhocker,
- erhöhte Toilettensitze oder
- eine bodengleiche Dusche.
Lassen Sie sich beraten, welche Hilfsmittel für Ihre individuelle Situation sinnvoll sind.
Sprechen Sie offen miteinander
Viele Familien vermeiden das Thema aus Rücksicht.
Dabei hilft oft gerade ein ehrliches Gespräch.
Fragen Sie Ihren Angehörigen,
- wobei er sich Unterstützung wünscht,
- was ihm unangenehm ist,
- welche Hilfe akzeptabel erscheint,
- welche Wünsche er selbst hat.
Pflege gelingt am besten, wenn Entscheidungen gemeinsam getroffen werden.
Niemand muss alles allein übernehmen
Es gibt Situationen, in denen Angehörige bestimmte Aufgaben nicht übernehmen möchten oder können.
Das ist völlig in Ordnung.
Ein ambulanter Pflegedienst kann beispielsweise die Körperpflege übernehmen, während Sie sich weiterhin um andere Bereiche kümmern.
Pflege ist keine Frage von Schwarz oder Weiß.
Es gibt viele Möglichkeiten, Aufgaben sinnvoll aufzuteilen.
Aus der Apotheke vor Ort
Gerade bei der Körperpflege spielen Medikamente oft eine größere Rolle, als vielen bewusst ist.
Blutdrucksenkende Arzneimittel können Schwindel verursachen. Entwässernde Medikamente erhöhen möglicherweise den nächtlichen Toilettengang. Schmerzmittel beeinflussen unter Umständen die Beweglichkeit positiv, während bestimmte Beruhigungs- oder Schlafmittel das Sturzrisiko erhöhen können.
Informieren Sie Ihre Apotheke, wenn nach Beginn einer neuen Therapie Veränderungen auffallen. Manchmal lassen sich Unsicherheiten bereits durch eine Überprüfung der Medikation oder eine Anpassung der Einnahmezeiten gemeinsam mit dem behandelnden Arzt klären.
Auch wenn die tägliche Medikamenteneinnahme zunehmend zur Herausforderung wird, kann Ihre Apotheke unterstützen – beispielsweise mit einem aktuellen Medikationsplan oder, bei geeigneten Voraussetzungen, durch eine patientenindividuelle Verblisterung.
Auch Sie dürfen Gefühle haben
Viele Angehörige glauben, sie müssten immer stark sein.
Doch Pflege löst oft widersprüchliche Gefühle aus.
Trauer.
Hilflosigkeit.
Überforderung.
Manchmal sogar Wut oder Schuldgefühle.
All das macht Sie nicht zu einem schlechten Menschen.
Es macht Sie zu einem Menschen, der sich in einer außergewöhnlichen Situation befindet.
Sprechen Sie darüber.
Mit Ihrer Familie.
Mit Freunden.
Oder mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben.
Unser Fazit
Der Moment, in dem ein Vater oder eine Mutter Hilfe bei der Körperpflege benötigt, verändert vieles.
Für den pflegebedürftigen Menschen.
Und ebenso für die Angehörigen.
Versuchen Sie deshalb, die Selbstständigkeit so lange wie möglich zu erhalten, Hilfe respektvoll anzubieten und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Denn gute Pflege bedeutet nicht, alles zu übernehmen.
Gute Pflege bedeutet, einem Menschen genau die Unterstützung zu geben, die er braucht – und ihm gleichzeitig so viel Selbstständigkeit wie möglich zu erhalten.
Das ist oft der schwierigste Weg.
Aber auch der würdevollste.