SCHMERZTABLETTE GENOMMEN – UND TROTZDEM SCHMERZEN?
Warum Ibuprofen, Paracetamol & Co. nicht bei jedem Menschen gleich wirken
Die Tablette ist geschluckt. Eine halbe Stunde vergeht. Dann eine Stunde. Die Kopfschmerzen sind immer noch da. Vielleicht wird eine zweite Tablette genommen – und irgendwann kommt der Gedanke: „Bei mir wirkt das Zeug einfach nicht.“
Gleichzeitig erzählt der Partner, dass ihm genau dasselbe Medikament hervorragend hilft. Ein anderer schwört auf einen völlig anderen Wirkstoff. Und spätestens dann entsteht die Frage: Wie kann es sein, dass eine Schmerztablette bei einem Menschen zuverlässig hilft und bei einem anderen kaum?
Die Antwort beginnt mit einem häufigen Missverständnis: Schmerzmittel behandeln nicht einfach „Schmerz“.
Schmerz ist ein Symptom mit sehr unterschiedlichen Ursachen. Ein entzündetes Gelenk, Zahnschmerzen, Spannungskopfschmerzen, Migräne oder Regelschmerzen können sich zwar alle als Schmerz bemerkbar machen, entstehen aber nicht auf dieselbe Weise. Entsprechend unterscheiden sich auch die Ansatzpunkte verschiedener Schmerzmittel.
Ibuprofen gehört beispielsweise zu den nichtsteroidalen Antirheumatika, kurz NSAR. Es hemmt Enzyme, die an der Bildung von Prostaglandinen beteiligt sind. Diese Botenstoffe spielen unter anderem bei Entzündungen und Schmerzen eine Rolle. Deshalb kann Ibuprofen gerade bei Schmerzen mit entzündlicher Komponente sinnvoll sein.
Paracetamol wirkt anders. Sein genauer Wirkmechanismus ist bis heute nicht in allen Einzelheiten geklärt. Es wirkt schmerzlindernd und fiebersenkend, besitzt jedoch nicht die ausgeprägte periphere entzündungshemmende Wirkung klassischer NSAR. Schon deshalb ist die Frage „Welches Schmerzmittel ist stärker?“ häufig falsch gestellt. Entscheidend ist vielmehr: Welches Mittel passt zu welcher Art von Schmerz und zu welchem Patienten?
Auch die Dosis spielt eine Rolle. Eine zu geringe Dosierung kann dazu führen, dass keine ausreichende Wirkung erreicht wird. Mehr ist umgekehrt keineswegs automatisch besser. Bei Schmerzmitteln gibt es Dosierungsgrenzen, Kontraindikationen und relevante Nebenwirkungen. Wer eigenständig immer weiter nachdosiert, weil die erste Tablette nicht geholfen hat, kann sich deshalb erheblichen Risiken aussetzen.
Hinzu kommt der Einnahmezeitpunkt. Gerade bei wiederkehrenden Beschwerden kann es einen Unterschied machen, ob ein geeignetes Schmerzmittel frühzeitig oder erst dann eingenommen wird, wenn der Schmerz bereits stark ausgeprägt ist. Das bedeutet nicht, bei jedem ersten Ziehen sofort eine Tablette zu nehmen. Es zeigt vielmehr, warum pauschale Einnahmeregeln selten eine individuelle Beratung ersetzen.
Und dann gibt es noch einen Faktor, über den erstaunlich wenig gesprochen wird: Wir Menschen sind biologisch nicht identisch.
Körpergewicht und Körperzusammensetzung, Alter, Leber- und Nierenfunktion, genetische Unterschiede im Arzneimittelstoffwechsel, Begleiterkrankungen und gleichzeitig eingenommene Medikamente können beeinflussen, wie ein Wirkstoff aufgenommen, verteilt, abgebaut und ausgeschieden wird.
Wirken Schmerzmittel bei Frauen anders als bei Männern?
Auch das biologische Geschlecht kann dabei eine Rolle spielen.
Frauen und Männer unterscheiden sich durchschnittlich unter anderem hinsichtlich Körperzusammensetzung, hormoneller Situation und bestimmter Stoffwechselprozesse. Gleichzeitig gibt es Hinweise auf geschlechtsspezifische Unterschiede bei Schmerzwahrnehmung, Schmerzverarbeitung und der Reaktion auf einzelne Arzneistoffe.
Das bedeutet jedoch ausdrücklich nicht, dass es grundsätzlich ein Schmerzmittel für Frauen und eines für Männer gibt.
Die Unterschiede sind wesentlich komplexer. Zudem wurden Frauen über Jahrzehnte in klinischen Studien teilweise nicht ausreichend berücksichtigt. Heute wird der Frage, ob Arzneimittel bei Frauen und Männern unterschiedlich wirken oder unterschiedliche Nebenwirkungen hervorrufen können, deshalb deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet.
Gerade Frauen erleben zudem Schmerzformen, die unmittelbar mit hormonellen und gynäkologischen Vorgängen verbunden sein können. Regelschmerzen sind ein offensichtliches Beispiel. Prostaglandine spielen bei den schmerzhaften Kontraktionen der Gebärmutter eine wesentliche Rolle – und genau hier erklärt sich, warum bestimmte NSAR häufig gut wirken können.
Bei Männern wiederum können andere körperliche Voraussetzungen, Erkrankungsmuster oder Begleitmedikationen für die Auswahl und Verträglichkeit eines Schmerzmittels relevant sein.
Die entscheidende Botschaft lautet deshalb nicht „Frauen reagieren so und Männer so“, sondern: Geschlecht ist einer von mehreren Faktoren, die bei Arzneimittelwirkung und Schmerz berücksichtigt werden können.
Genau hier liegt auch eine wichtige Aufgabe der Apotheke. Wer nach einem Schmerzmittel fragt, sollte idealerweise nicht einfach irgendeine Packung erhalten. Welcher Schmerz liegt vor? Seit wann? Wie stark ist er? Welche Erkrankungen bestehen? Welche Medikamente werden bereits eingenommen? Gibt es Erfahrungen mit bestimmten Wirkstoffen?
Manchmal führt diese Beratung auch zu einem Ergebnis, das mit einer Schmerztablette überhaupt nichts zu tun hat. Wiederkehrende, ungewöhnlich starke oder plötzlich auftretende Schmerzen können ein Warnsignal sein und gehören gegebenenfalls ärztlich abgeklärt.
Und auch der Satz „Das Schmerzmittel wirkt bei mir nicht“ verdient einen zweiten Blick. Vielleicht war der Wirkstoff ungeeignet. Vielleicht die Dosis. Vielleicht der Einnahmezeitpunkt. Vielleicht handelt es sich um eine Schmerzart, bei der eine andere Behandlung sinnvoller wäre.
Oder der Mensch vor uns reagiert tatsächlich anders als der Mensch neben ihm.
Deshalb ist die interessanteste Frage bei Schmerzmitteln häufig nicht:
„Welches ist das stärkste?“
Sondern:
„Welches ist für diesen Menschen und diesen Schmerz das richtige?“
Und genau diese Frage lässt sich nicht allein durch einen Blick auf die Milligrammzahl auf der Packung beantworten.