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„ICH HABE ES NICHT RECHTZEITIG GESCHAFFT.“ – WENN INKONTINENZ PLÖTZLICH ZUM PFLEGEALLTAG GEHÖRT

Es beginnt manchmal mit einer nassen Unterhose in der Wäsche. Vielleicht wird das Bett morgens ungewöhnlich schnell abgezogen oder die Hose landet direkt in der Waschmaschine. Auf Nachfrage heißt es: „Ich habe etwas verschüttet.“ Niemand fragt weiter nach, denn eigentlich ahnen beide Seiten längst, was passiert ist.

Über Bluthochdruck lässt sich problemlos sprechen. Über ein künstliches Hüftgelenk auch. Aber dem eigenen Sohn zu sagen, dass man es nicht mehr rechtzeitig zur Toilette geschafft hat, fällt vielen Menschen unendlich schwer.

Inkontinenz gehört deshalb zu jenen Problemen, die häufig zunächst verborgen werden. Aus Scham werden Vorlagen heimlich gekauft, längere Ausflüge vermieden und vor dem Einkaufen wird vorsichtshalber kaum noch etwas getrunken. Angehörige bemerken möglicherweise nur, dass Vater oder Mutter das Haus immer seltener verlassen.

Dabei ist Inkontinenz keine persönliche Niederlage und keineswegs automatisch eine unvermeidliche Begleiterscheinung des Alters. Vor allem wenn sie neu auftritt oder sich plötzlich deutlich verschlechtert, sollte nach den Ursachen gesucht werden.

Nicht jede Inkontinenz ist gleich

Schon der Begriff „Inkontinenz“ fasst sehr unterschiedliche Situationen zusammen. Manche Menschen verlieren Urin beim Husten, Niesen oder Aufstehen. Andere verspüren plötzlich einen so starken Harndrang, dass die Toilette nicht mehr rechtzeitig erreicht wird. Wieder andere könnten ihre Blase grundsätzlich kontrollieren, schaffen es aufgrund eingeschränkter Beweglichkeit aber schlicht nicht schnell genug aus dem Sessel oder bis ins Badezimmer.

Gerade im Pflegealltag ist dieser Unterschied entscheidend.

Stellen Sie sich einen älteren Mann vor, der nach einem Schlaganfall deutlich langsamer läuft. Er spürt, dass er zur Toilette muss, kann seine Blase kontrollieren und weiß genau, wo sich das Badezimmer befindet. Aber er benötigt mehrere Minuten, um aufzustehen, den Rollator zu greifen und den Weg zurückzulegen. Wenn er es nicht rechtzeitig schafft, ist das Ergebnis zwar dasselbe wie bei einer Blasenfunktionsstörung – die mögliche Lösung kann aber eine völlig andere sein.

Vielleicht muss nicht zuerst die Blase behandelt werden.

Vielleicht muss zuerst der Weg zur Toilette einfacher werden.

Das ist typisch für Pflege: Ein Problem lässt sich selten sinnvoll lösen, wenn nur das sichtbare Ergebnis betrachtet wird.

Eine gute Beleuchtung, gut erreichbare Haltegriffe, geeignete Kleidung oder ein Toilettenstuhl für die Nacht können in bestimmten Situationen mehr verändern als die nächste Packung Einlagen. Welche Hilfsmittel sinnvoll sind, hängt von der individuellen Situation ab und sollte entsprechend beraten werden.

Der gefährliche Versuch, einfach weniger zu trinken

Eine Reaktion begegnet Angehörigen besonders häufig: Der Betroffene beginnt, weniger zu trinken.

Die Logik erscheint zunächst überzeugend. Was nicht hineinkommt, muss auch nicht wieder heraus.

Für einen älteren Menschen kann daraus jedoch ein neues Problem entstehen. Eine bewusst stark reduzierte Flüssigkeitsaufnahme kann einen Flüssigkeitsmangel begünstigen. Verstopfung kann ebenfalls zunehmen. Und konzentrierter Urin löst das eigentliche Problem nicht.

Deshalb sollte die Trinkmenge nicht eigenmächtig drastisch reduziert werden. Das gilt selbstverständlich ebenso in die andere Richtung: Bei bestimmten Herz- oder Nierenerkrankungen können individuelle Vorgaben zur Flüssigkeitszufuhr bestehen.

Wenn Ihr Angehöriger Ihnen sagt, dass er ab dem Nachmittag nichts mehr trinken möchte, damit er nachts nicht zur Toilette muss, lohnt sich deshalb eine zweite Frage:

„Warum macht Ihnen der Toilettengang solche Sorgen?“

Vielleicht ist gar nicht die Blase das größte Problem. Vielleicht ist es die Angst, nachts auf dem Weg ins Badezimmer zu stürzen.

Damit wären wir wieder bei einem Thema, das wir in „Plötzlich Pflege“ bereits angesprochen haben: Viele Schwierigkeiten hängen miteinander zusammen.

Wenn aus Scham sozialer Rückzug wird

Die körperliche Seite der Inkontinenz ist nur ein Teil des Problems. Mindestens ebenso belastend kann die Angst sein, dass andere etwas bemerken könnten.

Was passiert, wenn ich unterwegs plötzlich zur Toilette muss?

Was, wenn die Einlage nicht ausreicht?

Was, wenn man etwas riecht?

Was, wenn ich bei Freunden auf dem Sofa sitze und ein Missgeschick passiert?

Für einen Menschen, der sein ganzes Leben selbstständig war, können solche Gedanken enorm belastend sein. Manche reagieren darauf, indem sie Aktivitäten reduzieren. Der wöchentliche Marktbesuch fällt aus, die Busfahrt in die Stadt wird vermieden und irgendwann wird auch die Einladung zum Geburtstag abgesagt.

Nach außen sieht das vielleicht so aus, als habe jemand einfach weniger Interesse.

In Wirklichkeit fehlt ihm möglicherweise nur das Vertrauen, mehrere Stunden außerhalb der eigenen Wohnung zurechtzukommen.

Gute Versorgung bedeutet deshalb nicht nur, eine saugfähige Vorlage auszuwählen. Sie sollte einem Menschen ermöglichen, sein Leben möglichst normal weiterzuführen.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Auch die Haut braucht Aufmerksamkeit

Wenn Haut regelmäßig mit Urin oder Stuhl in Kontakt kommt, kann sie gereizt werden. Gleichzeitig ist die Haut älterer Menschen häufig empfindlicher und verletzlicher. Deshalb gehören geeignete Reinigung und Hautschutz zur Versorgung dazu.

Hier entsteht leicht der Wunsch, besonders gründlich zu sein. Häufiges Waschen mit aggressiven Reinigungsprodukten kann die Haut allerdings zusätzlich belasten. Eine möglichst schonende Reinigung und ein individuell geeigneter Hautschutz sind meist sinnvoller als möglichst viel Seife.

Wenn Rötungen, nässende Stellen, Schmerzen oder Hautschäden auftreten, sollten diese nicht über Wochen mit wechselnden Produkten selbst behandelt werden. Gerade bei pflegebedürftigen Menschen kann es sinnvoll sein, die Haut professionell beurteilen zu lassen.

Auch hierzu können Sie sich in Ihrer Apotheke beraten lassen. Nicht jedes Hautpflegeprodukt eignet sich gleichermaßen für jede Situation, und gerade bei bereits geschädigter Haut muss manchmal mehr geschehen als ein Wechsel der Creme.

Und wieder lohnt sich ein Blick auf die Medikamente

Bei neu aufgetretenen Veränderungen gehört auch der Medikationsplan mit in die Betrachtung. Ein naheliegendes Beispiel sind entwässernde Arzneimittel. Sie werden bei bestimmten Erkrankungen aus gutem Grund eingesetzt und erhöhen die Urinausscheidung. Das kann dazu führen, dass Toilettengänge häufiger notwendig werden.

Das ist zunächst keine unerwünschte Wirkung, sondern Teil der therapeutischen Wirkung.

Für einen Menschen, der nur langsam zur Toilette gelangt, kann diese Wirkung trotzdem im Alltag eine erhebliche Herausforderung darstellen.

Auch andere Arzneimittel können indirekt eine Rolle spielen, etwa wenn sie Müdigkeit oder Schwindel begünstigen und damit den sicheren Toilettengang erschweren. Wieder gilt deshalb: Medikamente niemals eigenmächtig weglassen oder Einnahmezeiten verändern. Wenn Sie einen Zusammenhang vermuten, sprechen Sie mit Arzt oder Apotheke.

Gerade bei umfangreicher Dauermedikation können unsere Apotheken gemeinsam mit Patienten und Angehörigen den Medikationsplan betrachten und bei der Organisation der Arzneimittel unterstützen. Bei geeigneten Patienten kann auch die patientenindividuelle Verblisterung eine Entlastung darstellen. Die regelmäßigen Medikamente werden dabei nach Einnahmetag und Einnahmezeitpunkt zusammengestellt.

Das löst keine Inkontinenz. Aber Pflege besteht eben häufig aus vielen einzelnen Aufgaben – und jede Aufgabe, die übersichtlicher und sicherer organisiert werden kann, schafft Raum für die Dinge, die sich nicht automatisieren lassen.

Helfen, ohne einem Menschen seine Würde zu nehmen

Vielleicht liegt genau hier die größte Herausforderung.

Wenn Ihre Mutter zum ersten Mal eine Vorlage benötigt, ist das für Sie zunächst ein praktisches Problem. Sie möchten wissen, welches Produkt geeignet ist, welche Größe benötigt wird und wie häufig gewechselt werden muss.

Für Ihre Mutter kann derselbe Moment etwas vollkommen anderes bedeuten.

Sie erlebt möglicherweise, dass sie die Kontrolle über eine Körperfunktion verliert, über die sie ihr gesamtes Erwachsenenleben niemals nachdenken musste. Plötzlich soll sie sich von ihrem eigenen Kind helfen lassen.

Deshalb macht die Sprache einen Unterschied.

Es macht einen Unterschied, ob im Beisein anderer über „Windeln“ gesprochen wird oder diskret über die notwendige Versorgung. Es macht einen Unterschied, ob jemand ungefragt vollständig versorgt wird oder so viel wie möglich selbst erledigen darf. Und es macht einen Unterschied, ob ein Missgeschick kommentiert wird oder einfach selbstverständlich behoben wird.

Pflege bedeutet nicht, einen erwachsenen Menschen wieder zum Kind zu machen.

Im Gegenteil.

Je mehr Unterstützung notwendig wird, desto wichtiger wird es, die verbleibende Selbstbestimmung zu schützen.

Wenn Ihr Vater seine Vorlage noch selbst wechseln kann, lassen Sie ihn das tun. Wenn Ihre Mutter selbst entscheiden kann, welches Produkt für sie angenehm ist, beziehen Sie sie ein. Und wenn Hilfe notwendig ist, erklären Sie, was Sie tun, statt einfach über ihren Kopf hinweg zu handeln.

Das kostet manchmal ein paar Minuten mehr.

Aber Würde lässt sich nicht in eingesparten Minuten messen.

Nicht jedes Missgeschick ist sofort eine Erkrankung – eine Veränderung aber verdient Aufmerksamkeit

Ein einmaliges Missgeschick kann vorkommen. Wenn eine Inkontinenz jedoch neu auftritt, deutlich zunimmt oder von weiteren Beschwerden begleitet wird, sollte die Ursache abgeklärt werden. Schmerzen oder Brennen beim Wasserlassen, Blut im Urin, Fieber oder eine auffällige Veränderung des Allgemeinzustands gehören beispielsweise nicht einfach mit dem Hinweis „Das ist im Alter eben so“ abgetan.

Das gilt besonders bei Menschen mit Demenz, die Beschwerden möglicherweise nicht mehr zuverlässig äußern können. Plötzliche Unruhe oder eine deutliche Verhaltensänderung kann viele Ursachen haben und sollte nicht vorschnell allein der Demenz zugeschrieben werden.

Genau dieses Prinzip zieht sich inzwischen durch viele unserer Themen:

Schauen Sie nicht nur auf das offensichtliche Pflegeproblem.

Schauen Sie auf den Menschen dahinter.

Denn vielleicht braucht Ihre Mutter tatsächlich eine bessere Inkontinenzversorgung. Vielleicht benötigt Ihr Vater Unterstützung beim nächtlichen Toilettengang. Vielleicht muss eine Erkrankung behandelt oder die Arzneimitteltherapie überprüft werden.

Und manchmal braucht ein Mensch vor allem die Sicherheit, dass das, was ihm gerade unendlich peinlich ist, für denjenigen, der ihm hilft, überhaupt nichts Peinliches sein muss.

Vielleicht ist deshalb einer der wichtigsten Sätze, die Angehörige in dieser Situation sagen können, erstaunlich kurz:

„Das bekommen wir hin.“

Nicht als Beschwichtigung.

Sondern als Versprechen, gemeinsam eine Lösung zu finden, bei der der Mensch nicht hinter seinem Pflegeproblem verschwindet.