Warum frieren Frauen häufiger als Männer? Was wirklich hinter unserem Kälteempfinden steckt
Sie sitzt mit einer Decke auf dem Sofa, während er im T-Shirt das Fenster öffnen möchte. Im Büro wird über die Klimaanlage diskutiert, nachts über die richtige Temperatur im Schlafzimmer. Dass Frauen häufiger frieren als Männer, gilt beinahe als Klischee. Tatsächlich gibt es biologische Unterschiede, die unser Temperaturempfinden beeinflussen. Doch die Erklärung ist wesentlich spannender als die einfache Behauptung, Frauen hätten grundsätzlich eine schlechtere Durchblutung.
Wenn 22 Grad nicht für jeden gleich warm sind
Die Raumtemperatur beträgt angenehme 22 Grad. Trotzdem greift eine Person zum Pullover, während eine andere bereits ins Schwitzen gerät. Was zunächst wie eine Frage persönlicher Empfindlichkeit erscheint, hat durchaus physiologische Ursachen.
Unser Körper versucht ständig, seine Kerntemperatur in einem engen Bereich zu halten. Dafür reguliert er unter anderem die Wärmeproduktion, die Durchblutung der Haut und die Abgabe von Wärme an die Umgebung. Das Temperaturempfinden entsteht aus dem Zusammenspiel dieser Prozesse und den Signalen, die unsere Temperaturrezeptoren an das Gehirn senden.
Untersuchungen zeigen, dass Frauen und Männer bei bestimmten Umgebungsbedingungen im Durchschnitt unterschiedliche thermische Vorlieben haben können. Frauen bevorzugen in manchen Studien wärmere Raumtemperaturen. Allerdings sind die Unterschiede innerhalb der Geschlechter groß. Körperbau, Alter, Kleidung, körperliche Aktivität und individuelle Gewöhnung spielen ebenfalls eine erhebliche Rolle.
Die Vorstellung, alle Frauen würden frieren und alle Männer schwitzen, ist deshalb wissenschaftlich nicht haltbar. Interessanter ist die Frage, warum sich statistisch dennoch bestimmte Unterschiede beobachten lassen.
Muskeln produzieren Wärme – auch wenn wir uns nicht bewegen
Ein wichtiger Faktor ist die Körperzusammensetzung. Männer besitzen im Durchschnitt mehr Muskelmasse und häufig eine größere Körpermasse als Frauen. Das wirkt sich auf den Energieverbrauch und die Wärmeproduktion aus.
Unser Organismus erzeugt ständig Wärme. Selbst im Ruhezustand benötigen Gehirn, Herz, Leber, Muskulatur und andere Organe Energie. Ein Teil dieser Energie wird als Wärme freigesetzt. Menschen mit einer größeren fettfreien Körpermasse haben im Durchschnitt einen höheren absoluten Ruheenergieverbrauch.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Muskeln allein für unsere Körpertemperatur verantwortlich sind. Auch innere Organe tragen erheblich zur Wärmeproduktion bei. Entscheidend ist vielmehr die gesamte stoffwechselaktive Körpermasse.
Hinzu kommt das Verhältnis zwischen Körperoberfläche und Körpermasse. Kleinere und leichtere Menschen besitzen häufig eine relativ größere Oberfläche, über die Wärme an die Umgebung abgegeben werden kann. Dadurch können sie unter bestimmten Bedingungen schneller auskühlen.
Da Frauen im Durchschnitt kleiner und leichter sind als Männer, kann dieser physikalische Zusammenhang einen Teil der unterschiedlichen Kälteempfindlichkeit erklären. Er gilt jedoch genauso für kleinere Männer und größere Frauen.
Warum Hände und Füße besonders schnell kalt werden
Viele Menschen frieren nicht am gesamten Körper, sondern vor allem an Händen und Füßen. Die Finger werden kalt, obwohl die Körpermitte angenehm warm bleibt. Manchmal reicht schon ein kurzer Aufenthalt im Freien, damit sich die Hände unangenehm kühl anfühlen.
Dahinter steckt ein sinnvoller Schutzmechanismus.
Bei niedrigen Außentemperaturen verengen sich die kleinen Blutgefäße in der Haut. Dadurch gelangt weniger warmes Blut an die Körperoberfläche, und der Wärmeverlust wird begrenzt. Diesen Vorgang bezeichnet man als Vasokonstriktion.
Besonders deutlich macht sich diese Reaktion an den Händen und Füßen bemerkbar. Ihre Temperatur kann erheblich sinken, ohne dass die Körperkerntemperatur gefährlich niedrig ist.
Studien haben bei bestimmten Bedingungen Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der Hauttemperatur und der Durchblutungsregulation beobachtet. Die Ergebnisse sind jedoch nicht in jeder Untersuchung gleich. Auch die individuelle Gefäßreaktion, körperliche Aktivität und Umgebungstemperatur beeinflussen das Ergebnis.
Kalte Hände sind deshalb nicht automatisch ein Zeichen für eine Durchblutungsstörung. Treten allerdings starke Schmerzen, Taubheitsgefühle oder auffällige Farbveränderungen auf, sollte genauer hingesehen werden.
Hormone beeinflussen unseren inneren Thermostat
Neben Körperbau und Wärmeproduktion spielen Hormone eine wichtige Rolle. Besonders interessant ist dabei der weibliche Menstruationszyklus.
Nach dem Eisprung steigt der Progesteronspiegel an. In dieser sogenannten Lutealphase erhöht sich die Körperkerntemperatur typischerweise um einige Zehntelgrad. Diese Veränderung ist so charakteristisch, dass sie bei der natürlichen Zyklusbeobachtung genutzt wird.
Der Körper verändert dabei gewissermaßen seine thermoregulatorischen Sollwerte. Das kann beeinflussen, wann Wärme abgegeben oder zurückgehalten wird und wie bestimmte Temperaturen wahrgenommen werden.
Auch Östrogene wirken auf verschiedene Mechanismen der Temperaturregulation. Besonders deutlich wird dies während der Wechseljahre, wenn hormonelle Veränderungen bei manchen Frauen Hitzewallungen und Schweißausbrüche begünstigen.
Interessanterweise können sich Hitze- und Kälteempfinden dabei abwechseln. Manche Frauen berichten über nächtliche Schweißausbrüche und anschließend ausgeprägtes Frieren.
Dennoch wäre es falsch, das unterschiedliche Temperaturempfinden ausschließlich auf weibliche Hormone zurückzuführen. Die wissenschaftlichen Zusammenhänge sind komplex, und individuelle Unterschiede können größer sein als die durchschnittlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern.
Warum die Temperatur im Büro zum Streitpunkt wird
Besonders sichtbar wird das Thema am Arbeitsplatz. Während einige Beschäftigte über stickige Luft klagen, sitzen andere mit Strickjacke am Schreibtisch.
Die thermische Behaglichkeit hängt dabei von deutlich mehr Faktoren ab als der Temperaturanzeige an der Wand. Luftbewegung, Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung, Kleidung und körperliche Aktivität beeinflussen, wie warm oder kalt wir eine Umgebung empfinden.
Wer mehrere Stunden nahezu bewegungslos am Computer sitzt, produziert weniger zusätzliche Wärme als jemand, der regelmäßig aufsteht oder körperlich arbeitet.
Auch die Wahl der Kleidung spielt eine Rolle. Dünne Blusen, leichte Schuhe oder freie Unterarme können dazu führen, dass sich ein Raum deutlich kühler anfühlt als bei jemandem, der geschlossene Schuhe und einen Pullover trägt.
Wissenschaftliche Untersuchungen zur thermischen Behaglichkeit zeigen, dass standardisierte Raumtemperaturen nicht zwangsläufig den Bedürfnissen aller Menschen gleichermaßen entsprechen.
Die Lösung liegt deshalb nicht darin, eine bestimmte Temperatur grundsätzlich als richtig oder falsch zu erklären. Sinnvoller sind flexible Möglichkeiten, die individuelle Behaglichkeit zu verbessern.
Wenn hinter ständigem Frieren mehr steckt
So normal individuelle Unterschiede beim Kälteempfinden sind, so wichtig ist es, ungewöhnliche Veränderungen ernst zu nehmen.
Wer plötzlich ständig friert, obwohl das früher nicht der Fall war, sollte die Beschwerden nicht automatisch mit Geschlecht, Alter oder Jahreszeit erklären.
Eine mögliche Ursache ist eine Schilddrüsenunterfunktion. Schilddrüsenhormone beeinflussen zahlreiche Stoffwechselvorgänge. Werden zu wenige davon gebildet, können unter anderem Kälteempfindlichkeit, Müdigkeit, trockene Haut, Verstopfung und eine verminderte Leistungsfähigkeit auftreten.
Auch eine Blutarmut, medizinisch Anämie genannt, kann mit Frieren, Schwäche und Erschöpfung einhergehen. Ein Eisenmangel ist eine mögliche Ursache, aber keineswegs die einzige. Gerade bei Frauen mit starken Menstruationsblutungen kann ein Eisenmangel eine Rolle spielen.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen einem nachgewiesenen Mangel und einer bloßen Vermutung. Eisenpräparate sollten nicht vorsorglich über längere Zeit eingenommen werden, ohne dass die Ursache der Beschwerden geklärt wurde.
Ebenso können ein sehr niedriges Körpergewicht, unzureichende Energiezufuhr oder bestimmte Erkrankungen das Temperaturempfinden verändern.
Bei auffälligen Farbwechseln der Finger – etwa wenn sie bei Kälte zunächst weiß, dann bläulich und später rot werden – kann ein Raynaud-Phänomen vorliegen. Dabei reagieren die kleinen Blutgefäße anfallsartig mit einer ausgeprägten Verengung. Häufig ist das Phänomen gutartig, es kann aber auch im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen auftreten.
Welche Rolle Medikamente spielen können
Auch Arzneimittel können Einfluss auf die Temperaturregulation und die Durchblutung haben.
Bestimmte Betablocker beispielsweise können bei manchen Menschen kalte Hände und Füße begünstigen. Sie werden unter anderem bei verschiedenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt und können medizinisch sehr wichtig sein.
Ein möglicher Zusammenhang mit Kälteempfindlichkeit bedeutet deshalb keineswegs, dass ein solches Medikament ungeeignet ist oder eigenständig abgesetzt werden sollte.
Vielmehr lohnt sich bei neu aufgetretenen Beschwerden ein Blick auf den gesamten Medikationsplan. Dabei können Apotheke und behandelnde Arztpraxis gemeinsam beurteilen, ob eine Nebenwirkung infrage kommt oder andere Ursachen wahrscheinlicher sind.
Gerade wenn mehrere Arzneimittel regelmäßig eingenommen werden, kann eine strukturierte pharmazeutische Beratung helfen, mögliche Zusammenhänge besser einzuordnen.
Was gegen kalte Hände und Füße tatsächlich hilft
Nicht jedes Kältegefühl benötigt eine medizinische Behandlung. Oft helfen bereits einfache Veränderungen im Alltag.
Regelmäßige Bewegung aktiviert die Muskulatur und erhöht vorübergehend die Wärmeproduktion. Wer lange sitzt, kann deshalb davon profitieren, zwischendurch aufzustehen und einige Minuten umherzugehen.
Auch geeignete Kleidung ist wichtiger, als häufig angenommen wird. Mehrere dünne Schichten können helfen, Wärme zu speichern und sich an wechselnde Temperaturen anzupassen.
Bei kalten Füßen sind trockene, nicht einengende Socken und passende Schuhe sinnvoll. Zu enge Kleidung kann unangenehm sein und die Durchblutung zusätzlich beeinträchtigen.
Warme Getränke werden häufig als besonders hilfreich empfunden. Sie können das Wärmegefühl verbessern, auch wenn sie die Körperkerntemperatur normalerweise nicht wesentlich verändern.
Vorsicht ist dagegen bei sehr heißen Wärmflaschen oder Heizkissen geboten. Besonders Menschen mit eingeschränktem Temperaturempfinden, beispielsweise infolge einer diabetischen Neuropathie, können sich unbemerkt Verbrennungen zuziehen.
Wenn die Kälteempfindlichkeit ausgeprägt ist, neu auftritt oder von weiteren Beschwerden begleitet wird, sind solche Alltagstipps kein Ersatz für eine medizinische Untersuchung.
Frauen frieren nicht einfach „grundlos“ häufiger
Das unterschiedliche Temperaturempfinden von Frauen und Männern lässt sich weder mit einem einzigen Hormon noch mit einer pauschal schlechteren Durchblutung erklären.
Körpergröße, Körperzusammensetzung, Stoffwechsel, Hautdurchblutung, hormonelle Einflüsse und persönliche Gewohnheiten wirken zusammen. Daraus entsteht ein individuelles Wärmeempfinden, das sich im Laufe des Lebens verändern kann.
Apothekerin Arlett Düker macht deutlich, dass vor allem Veränderungen des gewohnten Kälteempfindens Aufmerksamkeit verdienen. Wer schon immer kalte Füße hatte, ist nicht automatisch krank. Wer dagegen plötzlich ungewöhnlich stark friert und gleichzeitig müde oder erschöpft ist, sollte mögliche Ursachen überprüfen lassen.
Die Apotheke kann dabei unterstützen, Beschwerden einzuordnen, mögliche Arzneimitteleinflüsse zu erkennen und einzuschätzen, wann eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist.
Am Ende zeigt dieses scheinbar alltägliche Thema etwas Erstaunliches: Selbst wenn zwei Menschen nebeneinander im selben Raum sitzen, erleben sie nicht zwangsläufig dieselbe Temperatur.
Denn die Temperatur misst das Thermometer. Wie kalt es sich anfühlt, entscheidet unser Körper.