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Denkt unser Darm mit? Was hinter der Darm-Hirn-Achse wirklich steckt

Es gibt Tage, an denen der Bauch offenbar eine eigene Meinung hat. Vor einer wichtigen Besprechung meldet er sich plötzlich. Stress schlägt auf den Magen. Aufregung nimmt den Appetit. Manche Menschen bekommen vor einer Prüfung Durchfall, andere können in angespannten Zeiten kaum essen. Und umgekehrt kennen viele dieses Gefühl ebenfalls: Wenn im Bauch etwas nicht stimmt, scheint manchmal auch der Rest des Menschen nicht richtig zur Ruhe zu kommen.

Lange wurde darüber eher in Redewendungen gesprochen. Etwas „schlägt uns auf den Magen“, wir haben „Schmetterlinge im Bauch“ oder treffen eine Entscheidung „aus dem Bauch heraus“.

Heute beschäftigt sich die Forschung sehr konkret mit der Frage, was hinter dieser Verbindung steckt. Der Begriff dafür lautet Darm-Hirn-Achse – und dahinter verbirgt sich weit mehr als eine schöne Metapher.

Darm und Gehirn stehen tatsächlich in einem ständigen Austausch. Und das Bemerkenswerte daran: Die Kommunikation verläuft in beide Richtungen. Das Gehirn kann Vorgänge im Verdauungssystem beeinflussen, während Signale aus dem Darm wiederum im Nervensystem ankommen können. Beteiligt sind verschiedene Kommunikationswege – unter anderem das autonome und enterische Nervensystem, der Vagusnerv, hormonelle Signalwege, das Immunsystem und Stoffwechselprodukte. Auch die Billionen Mikroorganismen unseres Darmmikrobioms sind inzwischen Teil dieser Forschung.

Genau hier beginnt allerdings auch das Problem. Denn aus einem faszinierenden Forschungsgebiet ist längst ein riesiges Geschäft geworden.

Vom Mikrobiom zur Glückskapsel ist es ein ziemlich großer Sprung

Wer in sozialen Netzwerken nach Darmgesundheit sucht, muss nicht lange warten, bis die ersten Versprechen auftauchen. Das richtige Probiotikum soll nicht nur die Verdauung verbessern, sondern plötzlich auch Stress reduzieren, die Stimmung stabilisieren, besseren Schlaf ermöglichen oder sogar psychische Erkrankungen beeinflussen.

Dass solche Aussagen überhaupt plausibel klingen, liegt daran, dass die zugrunde liegende Forschung tatsächlich spannend ist.

Darmbakterien produzieren beziehungsweise beeinflussen zahlreiche Stoffwechselprodukte. Dazu gehören beispielsweise kurzkettige Fettsäuren. Außerdem bestehen Wechselwirkungen zwischen Mikrobiom, Immunreaktionen und verschiedenen Botenstoffsystemen. Der Vagusnerv stellt einen wichtigen direkten Kommunikationsweg zwischen inneren Organen und Gehirn dar.

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir bereits genau vorhersagen können, welche Zusammensetzung des Mikrobioms bei einem einzelnen Menschen welche Stimmung erzeugt.

Und erst recht bedeutet es nicht, dass sich komplexe psychische Erkrankungen durch den Kauf einer bestimmten Bakterienkultur behandeln lassen.

Gerade bei der Darm-Hirn-Achse müssen wir deshalb zwei Aussagen gleichzeitig aushalten können: Die Verbindung ist real – und viele der daraus abgeleiteten Versprechen sind wissenschaftlich noch nicht ausreichend belegt.

Das ist weniger spektakulär als „Dieses Bakterium macht glücklich“. Aber es ist näher an dem, was wir derzeit tatsächlich wissen.

Und was ist mit dem berühmten Serotonin im Darm?

Kaum ein Argument taucht beim Thema Darm und Psyche so häufig auf wie dieses: Ein sehr großer Teil des körpereigenen Serotonins wird im Verdauungstrakt gebildet. Daraus entsteht schnell die Schlussfolgerung: Wenn Serotonin als „Glückshormon“ gilt und im Darm produziert wird, muss ein gesunder Darm uns doch glücklich machen.

So einfach ist es nicht.

Serotonin erfüllt im Körper sehr unterschiedliche Aufgaben. Das im Darm gebildete Serotonin gelangt nicht einfach durch die Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn und erhöht dort unmittelbar unsere gute Laune. Das zentrale serotonerge System des Gehirns und das periphere Serotonin im Körper müssen voneinander unterschieden werden.

Das macht die Darm-Hirn-Achse nicht weniger interessant. Im Gegenteil: Es zeigt, wie komplex sie ist.

Die Kommunikation erfolgt nicht über einen einzigen Stoff und nicht über einen einzigen Nerv. Mikrobiom, Stoffwechsel, Immunsystem, Nervensystem und hormonelle Regulation greifen ineinander. Genau deshalb lässt sich das System auch nicht seriös auf den Satz reduzieren: „Darm gesund = Psyche gesund.“

Apothekerin Arlett Düker sieht gerade darin eine wichtige Aufgabe pharmazeutischer Aufklärung: „Die Darm-Hirn-Achse ist keine Erfindung des Wellness-Marktes. Aber aus echter Forschung wird im Internet manchmal schneller ein Produktversprechen, als die Wissenschaft hinterherkommt.“

Das gilt insbesondere für sogenannte Psychobiotika – also bestimmte Probiotika, denen Wirkungen auf psychische Funktionen zugeschrieben werden. Es gibt dazu inzwischen interessante Untersuchungen, unter anderem zu depressiven Symptomen und Stress. Die Ergebnisse sind jedoch nicht einheitlich, untersuchte Bakterienstämme, Dosierungen und Studiengruppen unterscheiden sich erheblich. Daraus lässt sich bislang keine einfache Empfehlung ableiten, nach der ein bestimmtes frei verkäufliches Probiotikum zuverlässig die Stimmung verbessert.

Was bedeutet das nun für unseren eigenen Darm?

Die vielleicht enttäuschende Antwort lautet: Es gibt derzeit keine magische Darm-Hirn-Kapsel.

Die wesentlich interessantere Antwort lautet aber: Unser Darm ist tatsächlich Teil eines komplexen Systems, das weit über die Verdauung hinausreicht.

Eine abwechslungsreiche Ernährung mit pflanzlichen Lebensmitteln und Ballaststoffen kann ein vielfältiges Darmmikrobiom unterstützen. Bewegung, Schlaf und andere Lebensstilfaktoren können ebenfalls eine Rolle spielen. Gleichzeitig unterscheidet sich das Mikrobiom von Mensch zu Mensch erheblich. Die Vorstellung eines einzigen „perfekten“ Mikrobioms, das wir nur herstellen müssten, greift deshalb zu kurz.

Auch Probiotika sind nicht grundsätzlich gut oder schlecht. Entscheidend ist, welcher Stamm für welchen Zweck untersucht wurde. „Enthält Milliarden Bakterien“ klingt beeindruckend, sagt allein aber wenig über einen konkreten gesundheitlichen Nutzen aus.

Genau an dieser Stelle lohnt sich auch der Gang in die Apotheke. Nicht, weil dort das perfekte Mikrobiom ausgemessen werden könnte, sondern weil sich Produktversprechen, vorhandene Evidenz, Arzneimittel und individuelle Beschwerden voneinander trennen lassen. Wer beispielsweise unter länger anhaltenden Verdauungsproblemen leidet, sollte außerdem nicht versuchen, jedes Symptom allein mit dem vermeintlich falschen Mikrobiom zu erklären. Beschwerden können zahlreiche Ursachen haben und gehören gegebenenfalls medizinisch abgeklärt.

Ähnliches gilt für psychische Beschwerden. Die Erforschung der Darm-Hirn-Achse eröffnet faszinierende Perspektiven. Sie ersetzt aber keine etablierte Diagnostik und Behandlung von Depressionen, Angststörungen oder anderen psychischen Erkrankungen.

Vielleicht liegt genau darin das Spannende dieses Forschungsgebietes.

Früher haben wir gesagt: „Das schlägt mir auf den Magen.“

Heute beginnen wir zu verstehen, dass dieser Satz biologisch gar nicht so weit hergeholt ist. Gehirn und Darm kommunizieren tatsächlich miteinander – ständig, über mehrere Wege und vermutlich komplexer, als wir bislang vollständig verstehen.

Die Forschung dazu könnte unser Verständnis von Ernährung, Stoffwechsel, Immunologie und möglicherweise auch bestimmten neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen weiter verändern.

Aber bis dahin sollten wir einen Unterschied nicht vergessen:

Dass Darm und Gehirn miteinander sprechen, ist Wissenschaft.

Zu behaupten, wir könnten dieses Gespräch mit irgendeinem Probiotikum nach Belieben steuern, ist etwas ganz anderes.

Und genau zwischen diesen beiden Sätzen beginnt gute Gesundheitsaufklärung.