Zum Hauptinhalt springen

Die ehrliche Packungsbeilage: Ibuprofen

Es gibt Sätze, die wahrscheinlich in jeder Apotheke irgendwann fallen.

„Ich brauche nur schnell eine Ibu.“

Nur schnell. Als würde man an der Kasse noch eine Packung Kaugummi mitnehmen. Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Zahnschmerzen, Regelschmerzen, der Morgen nach der Feier – Ibuprofen gehört für viele Menschen so selbstverständlich zum Alltag, dass aus einem Arzneimittel sprachlich längst „eine Ibu“ geworden ist.

Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit für eine zweite Packungsbeilage.

Nicht statt der echten. Die brauchen wir selbstverständlich weiterhin.

Sondern eine, die so geschrieben ist, wie Apotheker manchmal gerne mit ihren Kunden sprechen würden.

Willkommen bei der ehrlichen Packungsbeilage. Heute: Ibuprofen.

„Nur noch schnell eine Ibu“ ist keine Dosierungsanleitung

Beginnen wir mit einem verbreiteten pharmazeutischen Maßsystem: der Tablette.

„Ich nehme eine.“

Das klingt zunächst eindeutig. Ist es aber nicht.

Eine Tablette kann 200 mg enthalten. Oder 400 mg. Verschreibungspflichtige Präparate gibt es auch in höheren Wirkstärken. Und spätestens bei der Frage, wie viele Tabletten bereits genommen wurden und in welchen Abständen, wird aus „eine Ibu“ eine Information, mit der Apotheker nur begrenzt arbeiten können.

Die ehrliche Packungsbeilage würde deshalb vermutlich sagen:

Bitte nennen Sie Milligramm. Wir fragen nicht aus Neugier.

Und noch etwas würde darin stehen: Mehr Wirkstoff bedeutet nicht automatisch proportional mehr Nutzen. Dosierung, Einnahmeabstände und maximale Tagesdosis haben einen Grund. Für die Selbstmedikation gelten andere Grenzen als für eine ärztlich verordnete Therapie.

Ihr Magen hat bei der Sache ein Mitspracherecht

Ibuprofen gehört zu den nichtsteroidalen Antirheumatika, kurz NSAR. Es hemmt Enzyme, die an der Bildung von Prostaglandinen beteiligt sind. Das erklärt einen wesentlichen Teil seiner schmerzstillenden und entzündungshemmenden Wirkung.

Prostaglandine erledigen allerdings noch andere Aufgaben.

Unter anderem spielen sie beim Schutz der Magenschleimhaut und bei der Regulation der Nierendurchblutung eine Rolle.

Mit anderen Worten:

Ihr Magen findet Ihre Kopfschmerzen nicht automatisch genauso schlimm wie Sie.

Das bedeutet nicht, dass nach einer einzelnen Ibuprofen-Tablette zwangsläufig Magenprobleme entstehen. Aber es erklärt, warum Dosis, Dauer, Begleiterkrankungen und weitere Medikamente eine Rolle spielen.

Die ehrliche Packungsbeilage würde deshalb wahrscheinlich auch fragen:

„Was nehmen Sie sonst noch?“

Und diesmal wäre „nichts“ bitte erst die Antwort, nachdem Blutverdünner, Kortisonpräparate, andere Schmerzmittel und die übrige Medikation gedanklich mitgezählt wurden.

„Hat bisher immer funktioniert“ ist keine Langzeitstudie

Ein weiterer Klassiker:

„Das nehme ich schon ewig.“

Dieser Satz soll häufig beruhigen. Pharmazeutisch erreicht er manchmal das Gegenteil.

Denn wenn jemand ein Schmerzmittel regelmäßig oder immer häufiger benötigt, wird irgendwann eine andere Frage wichtiger als die nach der nächsten Packung:

Warum sind die Schmerzen eigentlich immer wieder da?

Wer gelegentlich wegen akuter Beschwerden Ibuprofen einnimmt, befindet sich in einer völlig anderen Situation als jemand, der Woche für Woche zur Tablette greift.

Apothekerin Arlett Düker formuliert es für unsere ehrliche Packungsbeilage etwas weniger amtlich:

„Wenn die Packung schneller leer ist als geplant, sollten wir uns unterhalten.“

Nicht, weil Apotheker Tabletten zählen möchten.

Sondern weil häufiger Schmerzmittelbedarf selbst eine Information ist.

Die Niere liest leider auch mit

Magenbeschwerden gehören zu den Risiken von NSAR, von denen viele Menschen zumindest schon einmal gehört haben.

Die Niere wird dagegen gerne vergessen.

Unter bestimmten Bedingungen kann Ibuprofen die Nierenfunktion beeinträchtigen. Besonders relevant kann das beispielsweise werden, wenn weitere Risikofaktoren hinzukommen.

Deshalb ist die Kombination aus Schmerzmittel, starker körperlicher Belastung und Flüssigkeitsmangel auch keine besonders clevere pharmazeutische Dreiecksbeziehung.

Die ehrliche Packungsbeilage würde vermutlich formulieren:

„Nur weil die Tablette klein ist, arbeitet nicht nur eine kleine Ecke Ihres Körpers damit.“

Arzneimittel wirken eben nicht ausschließlich dort, wo es gerade weh tut.

Und nein: Ibuprofen weiß nicht, wo Ihre Schmerzen sitzen

Auch das wäre eigentlich einen Hinweis wert.

Die Tablette bekommt nach dem Schlucken keine Nachricht:

„Bitte einmal links unten Rücken.“

Der Wirkstoff gelangt über den Körper an seine Wirkorte. Dass wir ein Arzneimittel wegen Zahnschmerzen einnehmen, bedeutet nicht, dass es ausschließlich am Zahn aktiv wird.

Das klingt banal. Ist aber ein wichtiger Gedanke, wenn wir über Neben- und Wechselwirkungen sprechen.

Gewünschte Wirkung und unerwünschte Wirkung gehören zum selben Arzneimittel.

Die echte Packungsbeilage bleibt trotzdem wichtig

Unsere „ehrliche Packungsbeilage“ soll eines ausdrücklich nicht tun: die tatsächliche Packungsbeilage ersetzen oder lächerlich machen.

Dort stehen wichtige Informationen zu Dosierung, Gegenanzeigen, Wechselwirkungen und möglichen Nebenwirkungen. Welche Hinweise für einen einzelnen Menschen besonders relevant sind, hängt unter anderem von Alter, Erkrankungen, Schwangerschaft, Begleitmedikation, Dosis und Anwendungsdauer ab.

Und genau deshalb gibt es zusätzlich die Beratung in der Apotheke.

Man muss schließlich nicht jede Zeile einer Packungsbeilage auswendig kennen.

Man sollte nur wissen, wann es Zeit ist, jemanden zu fragen, der sie beruflich liest.

Was also müsste auf der ehrlichen Packungsbeilage stehen?

Vielleicht nur drei Sätze:

„Nur noch schnell eine Ibu“ ist keine Dosierungsanleitung.

Ihr Magen findet Ihre Kopfschmerzen nicht automatisch genauso schlimm wie Sie.

Und:

Wenn die Packung schneller leer ist als geplant, sollten wir uns unterhalten.

Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und Gegenanzeigen bleiben selbstverständlich in der richtigen Packungsbeilage.

Aber ein kleiner Zusatz dürfte von uns aus gerne noch auf den Karton:

Bei Fragen und Risiken fragen Sie nicht das Internet, bis Sie die Antwort gefunden haben, die Ihnen am besten gefällt. Fragen Sie Ihre Apotheke.