TABLETTEN IM LIEGEN SCHLUCKEN – WARUM DAS KEINE GUTE IDEE IST
Es ist kurz vor dem Einschlafen. Man liegt bereits im Bett, dann fällt einem ein: Das Medikament muss noch genommen werden. Tablette in den Mund, ein kleiner Schluck Wasser hinterher – fertig.
Schließlich ist die Tablette geschluckt.
Aber ist sie deshalb tatsächlich schon im Magen?
Genau hier liegt ein erstaunlich verbreiteter Irrtum. Wir nehmen das Schlucken als abgeschlossenen Vorgang wahr. Tatsächlich muss eine Tablette nach dem Mund zunächst die Speiseröhre passieren. Und dieser Transport funktioniert unter bestimmten Bedingungen besser – oder eben schlechter.
Eine geschluckte Tablette befindet sich nicht automatisch sofort im Magen.
Der Weg ist länger, als wir wahrnehmen
Nach dem Schlucken gelangt die Tablette in die Speiseröhre. Deren Muskulatur transportiert den Inhalt durch wellenförmige Bewegungen in Richtung Magen. Flüssigkeit unterstützt diesen Vorgang.
Wer ein Arzneimittel mit ausreichend Wasser einnimmt, erleichtert deshalb nicht nur das Schlucken im Mund. Das Wasser hilft auch dabei, die Tablette durch die Speiseröhre zu befördern.
Problematisch kann es werden, wenn eine Tablette nur mit einem winzigen Schluck Wasser oder sogar ganz ohne Flüssigkeit eingenommen wird.
Dann kann sie länger in der Speiseröhre verbleiben.
Im Liegen kommt ein weiterer ungünstiger Faktor hinzu. Die Schwerkraft unterstützt den Transport nicht mehr in gleicher Weise wie in aufrechter Position. Deshalb ist es grundsätzlich sinnvoll, feste Arzneiformen im Sitzen oder Stehen und mit ausreichend Flüssigkeit einzunehmen – sofern für das konkrete Arzneimittel keine abweichenden Anwendungshinweise gelten.
Warum „hängen bleiben“ mehr sein kann als nur unangenehm
Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl: Man hat etwas geschluckt und trotzdem den Eindruck, es stecke noch irgendwo hinter dem Brustbein.
Bei Arzneimitteln kann längerer Kontakt mit der Schleimhaut tatsächlich relevant werden.
Denn eine Tablette ist kein neutraler Fremdkörper. Sie beginnt in Kontakt mit Flüssigkeit, sich aufzulösen oder Wirkstoff freizusetzen. Geschieht das dort, wo es eigentlich nicht geschehen sollte, kann die Speiseröhrenschleimhaut lokal einer vergleichsweise hohen Wirkstoffkonzentration ausgesetzt sein.
Bei bestimmten Arzneimitteln sind dadurch Reizungen und sogar ausgeprägtere Schleimhautschäden möglich.
Zu den bekannten Wirkstoffen beziehungsweise Wirkstoffgruppen, bei denen solche Probleme beschrieben sind, gehören beispielsweise bestimmte Bisphosphonate, Tetracyclin-Antibiotika wie Doxycyclin sowie einige weitere Arzneimittel. Gerade bei solchen Präparaten können deshalb sehr konkrete Einnahmevorschriften gelten.
Und die sind nicht bloß übervorsichtige Formulierungen im Beipackzettel.
Sie haben einen pharmazeutischen Grund.
Ein Glas Wasser ist Teil der richtigen Anwendung
„Mit ausreichend Flüssigkeit einnehmen“ klingt banal.
Tatsächlich gehört diese Anweisung zur korrekten Arzneimittelanwendung.
Dabei geht es nicht darum, möglichst viel zu trinken. Es geht darum, genügend Flüssigkeit zu verwenden, damit die feste Arzneiform zuverlässig weitertransportiert werden kann.
Auch die Körperhaltung spielt eine Rolle. Tabletten und Kapseln sollten im Regelfall nicht bequem im Liegen geschluckt werden. Besser ist eine aufrechte Position.
Und gerade abends sollte man nicht automatisch unmittelbar nach der Einnahme wieder flach ins Bett sinken. Bei einzelnen Arzneimitteln gelten ausdrücklich vorgeschriebene Zeitabstände, während derer man aufrecht bleiben muss.
Ein bekanntes Beispiel sind bestimmte Bisphosphonate zur Behandlung der Osteoporose. Hier gehören genaue Vorgaben zu Flüssigkeitsmenge, Körperhaltung und dem zeitlichen Abstand zum Hinlegen zur sicheren Anwendung.
Das zeigt sehr schön: Wie ein Medikament eingenommen wird, kann genauso wichtig sein wie die Tatsache, dass es überhaupt eingenommen wird.
Nicht jede Tablette hat dieselben Regeln
Allerdings wäre auch die pauschale Regel „Alle Tabletten immer mit einem großen Glas Wasser schlucken“ zu einfach.
Arzneimittel unterscheiden sich.
Manche müssen nüchtern eingenommen werden, andere zu oder nach einer Mahlzeit. Bei einigen Präparaten spielen bestimmte Getränke oder Nahrungsmittel eine Rolle. Wieder andere besitzen ganz besondere Anwendungsvorschriften.
Deshalb lohnt sich bei einem neuen Medikament eine Frage, die in der Apotheke eigentlich viel häufiger gestellt werden dürfte:
Wie genau soll ich dieses Arzneimittel einnehmen?
Nicht nur wann.
Nicht nur wie oft.
Sondern tatsächlich: wie?
Gerade bei dauerhaft eingenommenen Medikamenten entstehen mit der Zeit Gewohnheiten. Die Tablette liegt auf dem Nachttisch. Ein Schluck aus der Wasserflasche. Medikament heruntergeschluckt und Licht aus.
Dass eine Einnahme seit Jahren so praktiziert wird, bedeutet aber nicht automatisch, dass sie optimal ist.
Was tun, wenn das Schlucken schwierig ist?
Ein anderes Problem sollte davon unterschieden werden.
Manche Menschen haben grundsätzlich Schwierigkeiten, Tabletten oder Kapseln zu schlucken. Dann ist die Versuchung groß, möglichst wenig Wasser zu verwenden, die Tablette zu zerkleinern oder eine Kapsel zu öffnen.
Auch das sollte nicht ohne Weiteres geschehen.
Nicht jede Tablette darf geteilt oder zerkleinert werden. Retardierungen, magensaftresistente Überzüge oder andere galenische Eigenschaften können dadurch verändert werden. Bei manchen Arzneimitteln existieren alternative Darreichungsformen, die wesentlich geeigneter sein können.
Auch hier lohnt sich deshalb die Nachfrage in der Apotheke, statt selbst eine vermeintlich praktische Lösung zu entwickeln.
Kleine Gewohnheit, große pharmazeutische Bedeutung
Das Spannende an diesem Thema ist für mich, wie alltäglich die Situation ist.
Wir diskutieren viel über Wirkstoffe, Dosierungen, Wechselwirkungen und Nebenwirkungen. Dabei entscheidet sich die sichere Arzneimitteltherapie manchmal an etwas scheinbar Nebensächlichem:
Sitzen Sie beim Schlucken – oder liegen Sie bereits im Bett?
Nehmen Sie einen vernünftigen Schluck Wasser – oder gerade genug, damit die Tablette irgendwie heruntergeht?
Und wissen Sie eigentlich, ob für genau dieses Medikament besondere Einnahmeregeln gelten?
Das sind keine akademischen Details.
Es sind kleine Handlungen, die jeden Tag millionenfach stattfinden.
Deshalb gehört zur pharmazeutischen Beratung nicht nur die Frage, welches Medikament jemand einnimmt. Ebenso wichtig kann sein, wie er es einnimmt.
Wenn also abends im Bett plötzlich auffällt, dass die Tablette noch auf dem Nachttisch liegt, ist die bessere Lösung erstaunlich einfach:
Aufsetzen oder aufstehen. Arzneimittel mit ausreichend Wasser einnehmen. Und bei besonderen Einnahmevorschriften diese konsequent beachten.
Denn geschluckt bedeutet eben noch nicht automatisch:
im Magen angekommen.