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8 STUNDEN GESCHLAFEN – UND TROTZDEM MÜDE?

Warum Müdigkeit nicht automatisch bedeutet, dass wir zu wenig schlafen

Der Wecker klingelt. Acht Stunden Schlaf liegen hinter uns. Eigentlich müsste der Akku voll sein.

Ist er aber nicht.

Schon beim Aufstehen fühlt man sich erschöpft. Der erste Kaffee hilft ein bisschen, der zweite vielleicht auch. Am Nachmittag kommt das nächste Tief. Und irgendwann stellt sich die Frage: Wie kann ich eigentlich ständig müde sein, obwohl ich ausreichend schlafe?

Gerade jüngere Menschen kennen das. Studium, Beruf, Familie, Sport und Freizeit müssen in einen Tag passen. Müdigkeit wird schnell mit Stress erklärt – oder mit noch mehr Kaffee bekämpft. Gleichzeitig begegnet uns in sozialen Medien eine nahezu unüberschaubare Auswahl an Produkten, die mehr Energie versprechen: Eisen, Vitamin B12, Magnesium, Vitamin D und verschiedenste „Energy“-Komplexe.

Doch Müdigkeit ist keine Diagnose.

Und genau deshalb sollte die erste Frage nicht lauten: Was kann ich dagegen nehmen?

Sondern: Warum bin ich überhaupt müde?

Acht Stunden sagen noch wenig über guten Schlaf aus

Die reine Schlafdauer ist nur ein Teil der Geschichte. Wer acht Stunden im Bett liegt, muss nicht acht Stunden erholsam schlafen.

Häufiges Aufwachen, Alkohol, unregelmäßige Schlafzeiten, Stress, Schichtarbeit oder Atemstörungen während des Schlafs können die Schlafqualität beeinträchtigen. Auch das Smartphone bis unmittelbar vor dem Einschlafen und ein ständig wechselnder Tag-Nacht-Rhythmus können eine Rolle spielen.

Deshalb kann jemand vermeintlich „genug“ schlafen und sich morgens trotzdem wie gerädert fühlen.

Aber es gibt noch eine zweite Gruppe von Ursachen – und die ist pharmazeutisch besonders interessant.

Eisenmangel: Gerade bei jungen Frauen relevant

Eisen wird für die Bildung von Hämoglobin benötigt und ist damit wesentlich für den Sauerstofftransport im Blut. Ein ausgeprägter Eisenmangel kann zu Müdigkeit, Leistungsminderung und Konzentrationsproblemen beitragen.

Gerade Frauen mit stärkeren Menstruationsblutungen können ein erhöhtes Risiko für einen Eisenmangel haben.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jede müde junge Frau Eisen einnehmen sollte.

Eine unnötige Eiseneinnahme bringt keinen zusätzlichen Energieschub und kann Nebenwirkungen verursachen. Bei länger anhaltender Müdigkeit ist es deshalb sinnvoller, die mögliche Ursache abzuklären, anstatt aufgrund eines Social-Media-Videos auf Verdacht ein hoch dosiertes Präparat einzunehmen.

Ähnliches gilt für Vitamin B12. Ein Mangel kann unter anderem Müdigkeit und neurologische Beschwerden verursachen. Das Risiko kann beispielsweise bei veganer Ernährung, bestimmten Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes oder durch bestimmte Arzneimittel erhöht sein.

Auch hier gilt: Ein Vitamin hilft vor allem dann, wenn tatsächlich ein entsprechender Mangel besteht.

Auch die Schilddrüse kann dahinterstecken

Eine Schilddrüsenunterfunktion kann sich unter anderem durch Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Konzentrationsprobleme bemerkbar machen. Häufig kommen weitere Beschwerden hinzu.

Das Problem: Viele dieser Symptome sind unspezifisch.

Wer müde ist, hat deshalb nicht automatisch eine Schilddrüsenerkrankung. Umgekehrt sollte anhaltende und ungewöhnliche Erschöpfung aber auch nicht monatelang ausschließlich mit Stress erklärt werden.

Genau deshalb ist bei länger bestehenden Beschwerden eine medizinische Abklärung sinnvoll.

Und manchmal steht die Ursache im Arzneimittelschrank

Ein Punkt wird erstaunlich häufig übersehen: Auch Medikamente können müde machen.

Das betrifft keineswegs nur klassische Schlaf- und Beruhigungsmittel. Je nach Wirkstoff können beispielsweise bestimmte Antihistaminika, Psychopharmaka, Schmerzmittel oder andere Arzneimittel Müdigkeit und verminderte Aufmerksamkeit begünstigen.

Besonders interessant wird es, wenn die Müdigkeit zeitlich mit dem Beginn einer neuen Therapie oder einer Dosierungsänderung zusammenfällt.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, ein verordnetes Medikament eigenmächtig abzusetzen.

Aber es ist ein guter Grund, darüber zu sprechen.

Und genau hier kommt die Apotheke ins Spiel. Ein Blick auf die gesamte Medikation kann Hinweise liefern: Ist Müdigkeit als Nebenwirkung bekannt? Werden mehrere Arzneimittel eingenommen, die diesen Effekt verstärken könnten? Gibt es möglicherweise Probleme bei Einnahme oder Dosierung?

Manchmal steckt die Erklärung also nicht in einem fehlenden Vitamin, sondern bereits in der vorhandenen Medikation.

Die Versuchung der schnellen Lösung

Müdigkeit eignet sich hervorragend für Werbung.

Denn wer erschöpft ist, möchte möglichst schnell wieder leistungsfähig sein. Ein Pulver, eine Kapsel oder ein Getränk verspricht eine einfache Lösung für ein kompliziertes Problem.

Gerade hier sollten wir vorsichtig werden.

Nahrungsergänzungsmittel können bei einem nachgewiesenen oder plausiblen Mangel sinnvoll sein. Aber ein Präparat gegen „Müdigkeit“ kann die Suche nach der eigentlichen Ursache nicht ersetzen.

Wer ohne Abklärung Eisen, Vitamin B12 oder andere Mikronährstoffe einnimmt, behandelt möglicherweise einen Mangel, den er gar nicht hat – während der tatsächliche Grund für die Beschwerden unentdeckt bleibt.

Wann sollte Müdigkeit abgeklärt werden?

Ein paar müde Tage nach einer stressigen Woche sind etwas anderes als eine Erschöpfung, die über längere Zeit bestehen bleibt.

Wenn Müdigkeit ungewöhnlich stark ist, immer wieder auftritt, trotz ausreichender Erholung anhält oder von weiteren Beschwerden begleitet wird, sollte nach der Ursache gesucht werden. Das gilt beispielsweise bei deutlichem Leistungsabfall, Atemnot, Herzklopfen, auffälliger Blässe, Gewichtsveränderungen oder anderen neu auftretenden Symptomen.

Auch wer regelmäßig ausreichend schläft und sich trotzdem dauerhaft erschöpft fühlt, sollte das nicht einfach als persönlichen Normalzustand akzeptieren.

Die Apotheke kann dabei eine erste Anlaufstelle sein, Medikamente überprüfen und bei der Einschätzung helfen, ob eine weitere ärztliche Abklärung sinnvoll erscheint.

Denn vielleicht lautet die wichtigste Erkenntnis bei Müdigkeit gerade nicht:

„Ich brauche etwas für mehr Energie.“

Sondern:

„Ich möchte wissen, warum mir die Energie fehlt.“