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WARUM HEILT EIN KRATZER HEUTE LANGSAMER ALS VOR 20 JAHREN?

Viele Menschen kennen diesen Moment. Man streift im Garten an einem Rosenstrauch entlang, schneidet sich beim Kochen leicht in den Finger oder entdeckt nach einer kleinen Verletzung eine Schürfstelle am Bein. Früher schien so etwas kaum der Rede wert zu sein. Nach wenigen Tagen war die Wunde vergessen.

Doch irgendwann fällt vielen Menschen auf, dass sich etwas verändert hat.

Der kleine Kratzer bleibt länger sichtbar. Die Haut braucht mehr Zeit. Ein blauer Fleck verschwindet nicht mehr innerhalb weniger Tage. Und plötzlich stellt sich die Frage: Ist das eigentlich normal?

Die kurze Antwort lautet: Ja – bis zu einem gewissen Grad.

Die längere Antwort ist deutlich interessanter.

Wundheilung gehört zu den erstaunlichsten Fähigkeiten des menschlichen Körpers. Sobald die Haut verletzt wird, beginnt ein hochkomplexes Reparaturprogramm. Blutgefäße verengen sich, Gerinnungsfaktoren werden aktiviert und spezialisierte Zellen wandern in das betroffene Gewebe ein. Anschließend werden beschädigte Strukturen ersetzt und neues Gewebe aufgebaut.

Dieser Prozess läuft millionenfach im Körper ab, ohne dass wir ihn bewusst wahrnehmen.

Mit zunehmendem Alter verändert sich jedoch die Geschwindigkeit dieser Abläufe.

Die Zellteilung verlangsamt sich. Die Haut wird dünner. Die Durchblutung nimmt teilweise ab. Gleichzeitig sinkt die Fähigkeit des Körpers, neues Gewebe so schnell zu bilden wie in jungen Jahren.

Das bedeutet nicht, dass Wunden nicht mehr heilen.

Es bedeutet lediglich, dass der Körper mehr Zeit benötigt.

Interessanterweise ist das Alter aber oft nur ein Teil der Erklärung.

In der Apotheke erleben wir regelmäßig, dass zwei Menschen gleichen Alters völlig unterschiedliche Erfahrungen machen. Während bei dem einen eine kleine Verletzung problemlos verheilt, kämpft der andere wochenlang mit derselben Wunde.

Der Grund liegt darin, dass Wundheilung von vielen Faktoren beeinflusst wird.

Eine besonders wichtige Rolle spielt die Durchblutung. Jede Reparatur benötigt Sauerstoff und Nährstoffe. Werden Gewebe und Haut schlechter versorgt, verlangsamt sich automatisch die Heilung.

Deshalb heilen Wunden an Füßen und Unterschenkeln häufig langsamer als beispielsweise im Gesicht.

Auch Diabetes beeinflusst die Wundheilung. Erhöhte Blutzuckerwerte können Blutgefäße und Nerven schädigen und dadurch die Regeneration erschweren. Gerade deshalb wird Menschen mit Diabetes geraten, selbst kleine Verletzungen ernst zu nehmen und regelmäßig zu kontrollieren.

Ein weiterer Faktor ist die Ernährung.

Neue Haut entsteht nicht aus dem Nichts. Der Körper benötigt Eiweiß, Vitamine, Spurenelemente und Energie, um beschädigtes Gewebe zu ersetzen. Wer über längere Zeit schlecht versorgt ist oder unter Mangelzuständen leidet, bemerkt dies manchmal zuerst an Haut und Wundheilung.

Auch Medikamente können eine Rolle spielen. Besonders Cortisonpräparate oder bestimmte immunsuppressive Therapien beeinflussen die Reparaturprozesse des Körpers. Das bedeutet nicht, dass diese Medikamente problematisch sind. Es bedeutet lediglich, dass ihre Wirkung auch die Wundheilung betreffen kann.

Interessant ist zudem der Einfluss von Bewegung.

Viele Menschen verbinden Bewegung vor allem mit Fitness oder Herz-Kreislauf-Gesundheit. Tatsächlich verbessert regelmäßige Aktivität jedoch auch die Durchblutung. Und eine gute Durchblutung gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Wundheilung.

Rauchen wirkt in diesem Zusammenhang genau entgegengesetzt. Nikotin verengt Blutgefäße und verschlechtert die Sauerstoffversorgung des Gewebes. Deshalb heilen Wunden bei Rauchern häufig langsamer als bei Nichtrauchern.

In der Apotheke fällt dabei ein interessantes Muster auf. Viele Menschen betrachten langsame Wundheilung als unvermeidliche Folge des Älterwerdens. Oft steckt jedoch mehr dahinter.

Die Haut ist gewissermaßen ein Spiegel des Körpers. Veränderungen an der Haut zeigen häufig früh, dass sich im Organismus etwas verändert hat.

Deshalb sollte man langsame Wundheilung weder dramatisieren noch ignorieren.

Die meisten kleinen Verletzungen heilen auch im höheren Alter problemlos ab. Wer jedoch bemerkt, dass Wunden ungewöhnlich lange bestehen bleiben, sich entzünden oder immer wieder auftreten, sollte genauer hinschauen.

Denn manchmal erzählt ein kleiner Kratzer eine größere Geschichte über die Gesundheit, als man zunächst vermuten würde.