Was beeinflusst die Fruchtbarkeit tatsächlich – und was gehört ins Reich der Mythen?
Medikamente und Fruchtbarkeit sind ein sensibles, oft emotionales Thema. In der Beratungspraxis begegnen uns regelmäßig Fragen von Paaren: „Beeinflusst mein Medikament die Chance auf ein Kind?“, „Muss ich vor einer Therapie meine Spermien einfrieren lassen?“ oder „Wie lange soll ich nach dem Absetzen warten?“. Die Antworten sind nie pauschal, weil Wirkmechanismen, Dosis, Therapiedauer und individuelle Voraussetzungen eine große Rolle spielen. Trotzdem lassen sich klare Prinzipien und belastbare Befunde zusammenfassen, die in der Praxis helfen.
Grundsätzlich unterscheiden sich zwei Mechanismen: Medikamente können die Fruchtbarkeit indirekt über hormonelle Effekte oder Libido beeinflussen, oder sie wirken direkt gonadotoxisch und schädigen Eizellen bzw. Spermatogenese. Zu den klar belegten Risiken gehören Zytostatika wie Cyclophosphamid. Diese Substanzen zerstören teilungsaktive Zellen und treffen damit auch Keimzellen. Bei Frauen kann das zu einer frühen Ovarialinsuffizienz führen; bei Männern zu langfristiger Oligo- oder Azoospermie. Daher gehört vor einer solchen Therapie die Diskussion über Kryokonservierung und gegebenenfalls Schutzstrategien zu den Standardmaßnahmen.
Anabolika und exogenes Testosteron bei Männern führen über Rückkopplungseffekte zur Unterdrückung der körpereigenen Spermaproduktion. Klinisch kann das eine Azoospermie auslösen; nach Absetzen ist eine Erholung möglich, dauert aber oft Monate bis über ein Jahr. Sulfasalazin ist ein Beispiel für einen Wirkstoff mit meist reversibler Einschränkung der Spermaqualität. Auf der anderen Seite stehen Medikamente wie Methotrexat oder Isotretinoin, die nicht als „fruchtbarkeitsmindernd“ gelten, aber wegen ihrer starken teratogenen Wirkung strikte Planungs- und Wartezeiten erforderlich machen.
Chronische Opioidtherapie kann ein hormonelles Defizit verursachen: Hypogonadismus mit sinkendem Testosteron und gestörtem Zyklus. Psychopharmaka – besonders SSRI – zeigen häufig sexuelle Funktionsstörungen, die weniger die biologische Fertilität betreffen, aber realen Einfluss auf die Chancen einer geplanten Empfängnis haben können. Viele dieser Effekte sind reversibel, sobald die Medikation umgestellt oder beendet wird.
Kurzzeitige Medikamente wie typische Antibiotikatherapien oder entzündungshemmende Arzneien verursachen in der Regel keine bleibenden Fruchtbarkeitsstörungen. Dennoch gilt: Manche Präparate haben Wechselwirkungen mit assistierten Reproduktionstechniken oder hormonellen Stimulationen. Deshalb ist die frühzeitige Abstimmung zwischen Patientinnen, Apotheke, Gynäkologie und Reproduktionsmedizin entscheidend.
Für die Beratung bedeutet das: Wer einen Kinderwunsch hat, sollte seine aktuelle Medikation prüfen lassen – idealerweise Monate im Voraus. Bei geplanten gonadotoxischen Therapien ist die Fertilitätsaufklärung verpflichtend. Bei teratogenen Wirkstoffen sind klare Zeitfenster und Kontrazeption unverzichtbar. Viele Einschränkungen sind temporär, und oft stehen therapeutische Alternativen bereit, die den Kinderwunsch nicht blockieren.
In der Südstadt Apotheke Peine sehen wir unsere Aufgabe darin, diese Themen niedrigschwellig, fachlich fundiert und lösungsorientiert zu begleiten. Eine strukturierte Medikationsanalyse schafft Klarheit, und die enge Verzahnung mit Ärztinnen und Ärzten kann entscheidend sein, um rechtzeitig Optionen wie Kryokonservierung einzuleiten oder sichere Therapiewege zu finden.
Tipp von Apothekerin Arlett Düker (bekannt aus unserem Podcast „Gesund Gehört“): Eine rechtzeitige Beratung vor dem Kinderwunsch ist oft der entscheidende Schritt, um Fruchtbarkeit zu schützen und Risiken planbar zu machen.