Zum Hauptinhalt springen

„Mach doch endlich das Licht an!“ – Wenn schlechtes Sehen den Pflegealltag verändert

Die Kaffeetasse steht wie jeden Morgen rechts neben dem Teller. Trotzdem greift Ihre Mutter daneben. Ihr Vater läuft seit einiger Zeit auffällig vorsichtig durch den Flur und hält sich an Möbeln fest, obwohl er körperlich eigentlich noch recht sicher auf den Beinen ist. Beim Lesen werden Rechnungen immer näher ans Gesicht gehalten und auf der Treppe kommt plötzlich Unsicherheit auf.

„Du brauchst eine neue Brille“, lautet dann schnell die Erklärung.

Vielleicht stimmt das. Vielleicht aber auch nicht.

Sehprobleme gehören zu den Veränderungen des Alters, die Angehörige leicht unterschätzen, weil sie sich meistens langsam entwickeln. Wer nicht von heute auf morgen schlecht sieht, passt sein Verhalten unbewusst an. Das Buch wird näher herangeholt, beim Treppensteigen wird das Geländer fester umfasst und irgendwann fährt man bei Dunkelheit eben nicht mehr mit dem Auto. Viele dieser Anpassungen funktionieren jahrelang erstaunlich gut.

Mit zunehmender Pflegebedürftigkeit kann aus einer eingeschränkten Sehfähigkeit jedoch plötzlich ein wesentlich größeres Problem werden. Denn wer schlechter sieht, kann nicht nur eine Zeitung schlechter lesen. Er erkennt möglicherweise Medikamente nicht mehr eindeutig, übersieht Hindernisse, kann Entfernungen schlechter einschätzen und verliert einen Teil der Sicherheit, mit der er sich bisher durch seine vertraute Umgebung bewegt hat.

Dann wird aus einem Problem der Augen ein Problem des gesamten Pflegealltags.

Die Wohnung ist dieselbe – und trotzdem verändert sie sich

Für Sie liegt der Teppich seit 20 Jahren an derselben Stelle. Für einen Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen kann seine Kante plötzlich zum Hindernis werden. Der dunkle Türrahmen hebt sich möglicherweise kaum noch von der Wand ab, die letzte Treppenstufe wird schlechter erkannt und nachts verschwimmen Gegenstände im Flur miteinander.

Das ist ein wichtiger Gedanke, wenn ein älterer Mensch plötzlich unsicherer läuft.

Nicht jeder unsichere Gang beginnt in den Beinen.

Manchmal beginnt er in den Augen.

Deshalb lohnt es sich, die Wohnung einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ist die Beleuchtung tatsächlich ausreichend? Gibt es starke Hell-Dunkel-Wechsel? Sind Treppenstufen gut zu erkennen? Liegen Kabel oder kleine Teppiche im Laufweg? Kann der Lichtschalter vom Bett aus erreicht werden?

Dabei muss aus der Wohnung kein Pflegezimmer werden. Im Gegenteil: Gerade bei beginnender Pflegebedürftigkeit sollte das Zuhause möglichst ein Zuhause bleiben. Oft sind es kleine Veränderungen, die Sicherheit schaffen können, ohne einem Raum seinen vertrauten Charakter zu nehmen.

Eine bessere Leuchte am Lieblingssessel, eine gut erreichbare Nachtbeleuchtung oder deutlich erkennbare Kontraste können im Alltag erheblich mehr bewirken, als man zunächst vermutet.

Und genau hier liegt zukünftig auch eine interessante Möglichkeit für unseren Blog: Sinnvolle Hilfsmittel lassen sich an solchen Stellen erklären, vergleichen und gegebenenfalls empfehlen, ohne dass aus einem redaktionellen Artikel ein Produktkatalog werden muss. Entscheidend bleibt immer die Frage: Löst dieses Produkt tatsächlich ein Problem im Pflegealltag?

Wenn Medikamente plötzlich gleich aussehen

Besonders wichtig wird eingeschränktes Sehen bei der Arzneimitteltherapie.

Wer nur eine Tablette am Morgen einnimmt, kommt vielleicht lange problemlos zurecht. Bei fünf, acht oder noch mehr verschiedenen Arzneimitteln sieht die Situation anders aus. Weiße Tabletten liegen neben weißen Tabletten, Packungsaufschriften werden immer kleiner und Änderungen nach einem Krankenhausaufenthalt machen die Sache zusätzlich kompliziert.

„Die kleine Weiße morgens und die etwas größere Weiße abends“ ist kein zuverlässiges Medikationssystem.

Trotzdem entstehen solche Systeme in Familien erstaunlich schnell.

Angehörige beschriften Schachteln, stellen Wochendosetten bereit oder legen Zettel daneben. Das funktioniert – bis eine Tablette anders aussieht, eine Packung ausgetauscht wird oder ein neues Medikament hinzukommt.

Gerade wenn die Sehkraft nachlässt, sollte deshalb früh darüber gesprochen werden, ob der Betroffene seine Medikamente noch sicher selbst organisieren kann. Das bedeutet nicht automatisch, ihm diese Aufgabe sofort abzunehmen. Selbstständigkeit sollte so lange wie möglich erhalten bleiben. Aber Selbstständigkeit bedeutet nicht, jemanden mit einer Aufgabe allein zu lassen, die er objektiv kaum noch bewältigen kann.

Hier entsteht ein sehr natürlicher Bezug zu unserer Arbeit in der Apotheke. Bei geeigneten Patienten kann eine patientenindividuelle Verblisterung die regelmäßige Dauermedikation erheblich übersichtlicher machen. Die Arzneimittel werden nach Einnahmetagen und -zeitpunkten zusammengestellt, sodass nicht mehr täglich verschiedene Packungen auseinandergehalten werden müssen.

Für manche Familien ist das vor allem eine Frage der Sicherheit. Für andere bedeutet es zusätzlich Entlastung, weil nicht jede Woche erneut Tabletten sortiert werden müssen.

Genau solche Leistungen möchte ich in „Plötzlich Pflege“ künftig stärker sichtbar machen – allerdings nur dort, wo sie ein konkretes Pflegeproblem lösen können. Die Apotheke soll nicht mitten im Artikel plötzlich etwas verkaufen. Sie soll zeigen, was sie beitragen kann.

Eine schmutzige Brille kann erstaunlich viel verändern

Manchmal sind Lösungen wesentlich einfacher.

Wann wurde die Brille zuletzt gereinigt?

Das klingt beinahe banal. Im Pflegealltag sind es aber häufig genau solche Kleinigkeiten, die irgendwann nicht mehr selbstverständlich funktionieren. Ein Mensch mit eingeschränkter Feinmotorik kann seine Brille möglicherweise nicht mehr gründlich reinigen. Bei einer Demenz wird sie vielleicht irgendwo abgelegt oder gar nicht mehr aufgesetzt.

Auch die Frage, wann die Sehstärke zuletzt überprüft wurde, lohnt sich.

Denn nicht jede Verschlechterung lässt sich mit „Alter“ erklären. Neben einer nicht mehr passenden Brille können verschiedene Augenerkrankungen das Sehvermögen beeinträchtigen. Einige entwickeln sich schleichend, andere können schneller auftreten.

Deshalb sollte eine deutliche Veränderung des Sehens nicht einfach akzeptiert werden.

Das gilt erst recht bei plötzlich auftretenden Sehstörungen. Ein plötzlicher Verlust oder eine starke Veränderung des Sehvermögens, Lichtblitze, auffällige Gesichtsfeldausfälle oder andere akute Beschwerden gehören nicht in die Kategorie „Wir machen irgendwann einen Termin“.

Sie müssen zeitnah medizinisch beurteilt werden.

Augentropfen – einfach in der Theorie, schwierig im Badezimmer

Ein weiteres Problem begegnet uns in der Apotheke regelmäßig: Ein Arzneimittel ist richtig verordnet, aber die Anwendung funktioniert zu Hause nicht.

Augentropfen sind dafür ein hervorragendes Beispiel.

Die kleine Flasche muss richtig gehalten werden. Der Tropfen soll ins Auge gelangen, die Spitze darf das Auge möglichst nicht berühren und anschließend muss das Fläschchen wieder verschlossen werden. Für einen gesunden Menschen klingt das einfach.

Mit Arthrose in den Fingern, einem Tremor oder eingeschränktem Sehvermögen kann daraus eine erstaunlich schwierige Aufgabe werden.

Dann stellt sich eine wichtige Frage: Wird das Medikament tatsächlich so angewendet, wie Arzt und Apotheke annehmen?

Das gilt übrigens nicht nur für Augentropfen. Inhalatoren, Insulinpens, Pflaster, Tropfflaschen oder andere Darreichungsformen können bei zunehmender Pflegebedürftigkeit plötzlich Schwierigkeiten bereiten, obwohl der Betroffene jahrelang problemlos damit zurechtgekommen ist.

Auch hier liegt eine Aufgabe für die Apotheke, die über das reine Abgeben einer Packung hinausgeht. Anwendung muss praktisch funktionieren. Wenn sie das nicht mehr tut, muss gemeinsam nach einer Lösung gesucht werden.

Für „Plötzlich Pflege“ eröffnet gerade dieser Bereich künftig interessante Möglichkeiten. Wir können konkrete Hilfsmittel und Anwendungshilfen vorstellen, erklären, für wen sie sinnvoll sind und ebenso deutlich sagen, wann ein Produkt keinen echten Mehrwert bietet. Wenn dabei später Kooperationen entstehen, sollten sie genau diesem Prinzip folgen: erst das Problem, dann die Lösung und erst ganz am Ende das Produkt.

So bleibt Werbung erkennbar Werbung – und unsere redaktionelle Glaubwürdigkeit erhalten.

Schlechtes Sehen kann wie Demenz aussehen

Nach unseren letzten Artikeln über Delir und eingeschränktes Hören wird ein Zusammenhang immer deutlicher: Die Sinne entscheiden wesentlich darüber, wie gut ein Mensch seine Umgebung verstehen kann.

Wer schlecht sieht, erkennt möglicherweise Personen erst spät. Gegenstände werden verwechselt, Medikamente können nicht mehr gelesen werden und eine unbekannte Umgebung wird noch schwieriger einzuordnen.

Bei einer bestehenden Demenz kann das die Situation zusätzlich verschärfen.

Stellen Sie sich einen älteren Menschen nachts in einem Krankenhauszimmer vor. Er weiß ohnehin nicht genau, wo er ist. Seine Brille liegt irgendwo in einer Schublade. Ohne sie erkennt er kaum, wer das Zimmer betritt. Schatten werden zu Gegenständen, Gegenstände vielleicht zu Menschen.

Für uns ist das Zimmer hell genug.

Für ihn sieht die Welt möglicherweise vollkommen anders aus.

Deshalb sind Brille und Hörgerät bei pflegebedürftigen Menschen keine nebensächlichen persönlichen Gegenstände. Sie können entscheidend dafür sein, wie gut ein Mensch seine Umgebung wahrnimmt und sich darin orientieren kann.

Wenn Ihre Mutter im Krankenhaus plötzlich verwirrter wirkt, gehört deshalb neben vielen medizinischen Fragen auch eine erstaunlich einfache dazu:

Wo ist eigentlich ihre Brille?

Nicht alles abnehmen, nur weil etwas schwieriger wird

Pflegende Angehörige möchten helfen. Das ist selbstverständlich. Trotzdem kann gut gemeinte Hilfe dazu führen, dass Fähigkeiten schneller verloren gehen.

Wenn das Lesen der Post schwerfällt, übernimmt die Tochter irgendwann sämtliche Briefe. Wenn die Medikamentenschachteln schlecht erkannt werden, sortiert der Sohn alles. Wenn der Weg durch die Wohnung unsicher wird, wird der Vater vorsichtshalber ständig begleitet.

Jede einzelne Entscheidung erscheint vernünftig.

Zusammen können sie aber dazu führen, dass der Betroffene immer weniger selbst macht.

Deshalb lohnt sich auch bei Sehproblemen die Frage, die eigentlich für die gesamte Pflege gelten sollte:

Was kann dieser Mensch noch selbst – wenn wir die Bedingungen dafür verbessern?

Vielleicht braucht er keine Person, die ihm jeden Brief vorliest, sondern eine gute Leselupe und bessere Beleuchtung.

Vielleicht muss nicht jede Tätigkeit übernommen werden, sondern lediglich die Umgebung angepasst werden.

Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Versorgung und guter Pflege.

Versorgung erledigt Dinge für einen Menschen.

Gute Pflege versucht zuerst, ihm zu ermöglichen, sie weiterhin selbst zu erledigen.

Sehen Sie einmal mit seinen Augen

Wir können nicht ausprobieren, wie sich die Welt mit den Augen eines anderen Menschen tatsächlich anfühlt. Aber wir können genauer beobachten.

Warum läuft Vater auf der Treppe plötzlich so vorsichtig?

Warum erkennt Mutter die Tabletten nicht mehr?

Warum liest sie nicht mehr, obwohl sie früher jeden Morgen die Zeitung vollständig gelesen hat?

Warum möchte sie abends nicht mehr aus dem Haus?

Nicht jede Veränderung ist mangelnde Motivation. Nicht alles ist Demenz. Und nicht jede Unsicherheit beginnt mit schwachen Beinen.

Manchmal ist die Erklärung wesentlich einfacher:

Die Welt ist unschärfer geworden.

Pflege bedeutet dann nicht automatisch, immer mehr Aufgaben zu übernehmen. Manchmal bedeutet sie, Licht anzumachen, Kontraste zu schaffen, eine Anwendung zu erleichtern, die richtige Hilfe bereitzustellen oder dafür zu sorgen, dass eine medizinische Ursache abgeklärt wird.

Und vielleicht sollten wir uns dabei häufiger eine Frage stellen, die im Pflegealltag erstaunlich selten gestellt wird:

„Kannst du das eigentlich noch gut sehen?“

Denn bevor wir einem Menschen etwas abnehmen, sollten wir versuchen herauszufinden, was er braucht, um es weiterhin selbst tun zu können.

Den Werbeansatz würde ich ab jetzt genauso weiterentwickeln: nicht plötzlich „Produkt X kaufen“, sondern zunächst werbefähige Themenräume schaffen. Verblisterung und pharmazeutische Dienstleistungen sind unser eigener Bereich; daneben eignen sich beispielsweise Alltagshilfen, Hautpflege, Inkontinenzversorgung, Ernährung/Trinknahrung, Mundpflege, Mobilität, Messgeräte oder technische Pflegehilfen. So können wir später Partner integrieren, ohne dass „Plötzlich Pflege“ wie ein Werbeblog wirkt.