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„Opa hört nur, was er hören will.“ – Wenn Schwerhörigkeit plötzlich den ganzen Pflegealltag verändert

„Papa, hast du deine Tabletten genommen?“

Keine Reaktion.

Die Tochter wiederholt die Frage etwas lauter. Der Vater schaut auf und antwortet auf etwas völlig anderes. Beim dritten Versuch wird die Stimme noch lauter, beide werden ungehalten und am Ende bleibt das Gefühl zurück, dass Gespräche mit ihm zunehmend anstrengend werden.

Beim Fernsehen dagegen ist die Lautstärke inzwischen so hoch, dass man sich im Nebenzimmer noch problemlos über das Programm informieren kann.

„Er hört eben nur noch, was er hören will“, heißt es dann manchmal halb im Scherz.

Vielleicht hört er aber tatsächlich nicht mehr gut.

Schwerhörigkeit erscheint zunächst wie ein vergleichsweise kleines Problem neben all den Dingen, die Pflegebedürftigkeit mit sich bringen kann. Ob jemand etwas schlechter hört, scheint weniger dramatisch als ein Sturz, eine Schluckstörung oder eine akute Verwirrtheit. Im Alltag kann eingeschränktes Hören jedoch erstaunlich viele Bereiche beeinflussen. Gespräche werden schwieriger, Anweisungen werden missverstanden, soziale Kontakte nehmen ab und irgendwann entsteht möglicherweise der Eindruck, der Betroffene ziehe sich immer stärker zurück.

Besonders problematisch wird es, wenn Hörprobleme mit geistigem Abbau verwechselt werden. Wer eine Frage nicht richtig gehört hat, kann sie auch nicht richtig beantworten. Wer einer Unterhaltung mit mehreren Menschen kaum noch folgen kann, beteiligt sich irgendwann vielleicht nicht mehr daran. Und wer ständig nur Bruchstücke versteht, wirkt unter Umständen orientierungslos, obwohl das eigentliche Problem zunächst ein ganz anderes ist.

Wenn aus „Wie bitte?“ irgendwann Schweigen wird

Eine Hörminderung entwickelt sich häufig schleichend. Genau deshalb bemerken Betroffene sie selbst manchmal später als ihr Umfeld. Zunächst werden einzelne Wörter nicht verstanden. Hintergrundgeräusche stören stärker. In größeren Gruppen wird es anstrengend, Gesprächen zu folgen. Der Fernseher wird etwas lauter gestellt.

Das Gehirn versucht lange, fehlende Informationen aus dem Zusammenhang zu ergänzen.

Das funktioniert erstaunlich gut – bis es irgendwann nicht mehr funktioniert.

Für den Betroffenen kann das ausgesprochen unangenehm sein. Niemand möchte bei jedem zweiten Satz nachfragen. Also wird genickt, obwohl die Frage nicht vollständig verstanden wurde. Man lächelt an der richtigen Stelle oder orientiert sich an der Reaktion der anderen.

Für Angehörige sieht das manchmal merkwürdig aus.

„Mama hört überhaupt nicht mehr richtig zu.“

Doch vielleicht versucht sie seit einer halben Stunde verzweifelt, einer Unterhaltung zu folgen, von der sie nur die Hälfte versteht.

Irgendwann wird Rückzug einfacher.

Der Stammtisch ist zu laut. Beim Familienessen sprechen alle durcheinander. Im Restaurant versteht man kaum ein Wort. Selbst ein Telefonat wird mühsam. Was von außen wie zunehmendes Desinteresse aussieht, kann deshalb auch eine Strategie sein, unangenehme Situationen zu vermeiden.

Gerade bei einem pflegebedürftigen Menschen sollte man solche Veränderungen nicht vorschnell als Teil des Alterns hinnehmen.

In der Pflege kann ein Missverständnis plötzlich wichtig werden

Wenn beim Kaffeetrinken ein Satz falsch verstanden wird, ist das meistens nicht schlimm. Bei Medikamenten, Arztterminen oder Pflegeanweisungen kann es anders aussehen.

„Die Tablette heute Abend nicht nehmen“ und „die Tablette heute Abend nehmen“ unterscheiden sich akustisch nicht besonders stark – inhaltlich aber erheblich.

Dasselbe gilt nach einem Krankenhausaufenthalt. Innerhalb kurzer Zeit werden zahlreiche Informationen vermittelt: Medikamente wurden verändert, eine Wunde muss versorgt werden, ein Kontrolltermin steht an und bestimmte Warnzeichen sollen beobachtet werden. Wer schlecht hört, nimmt möglicherweise nur Teile davon mit.

Deshalb sollte bei wichtigen Informationen nicht einfach lauter gesprochen und anschließend angenommen werden, dass alles verstanden wurde. Es kann sinnvoll sein, zentrale Punkte zusätzlich schriftlich festzuhalten und sich rückversichern zu lassen, was angekommen ist.

Das hat nichts mit Bevormundung zu tun.

Im Gegenteil: Nur wer Informationen tatsächlich erhält, kann selbst entscheiden.

Das Hörgerät liegt in der Schublade

Dann gibt es die andere Situation: Das Hörproblem ist längst bekannt. Ein Hörgerät wurde angepasst und trotzdem wird es kaum getragen.

Für Angehörige ist das schwer nachvollziehbar.

„Wir haben uns doch extra darum gekümmert.“

Doch ein Hörgerät funktioniert nicht allein dadurch, dass es vorhanden ist. Der Umgang muss gelernt werden, Batterien beziehungsweise Akkus müssen funktionieren, das Gerät muss richtig eingesetzt werden und die Einstellung muss zur aktuellen Hörsituation passen. Manche Menschen empfinden die neue Geräuschwelt zunächst als unangenehm. Plötzlich sind nicht nur Stimmen lauter, sondern auch das Rascheln einer Zeitung, Geschirrklappern oder Verkehrsgeräusche.

Bei eingeschränkter Feinmotorik kommt ein weiteres Problem hinzu. Ein kleines Hörgerät einzusetzen, zu reinigen oder zu bedienen kann für einen Menschen mit Arthrose, Tremor oder eingeschränktem Sehvermögen überraschend schwierig werden.

Und bei Demenz kann es passieren, dass der Betroffene schlicht nicht mehr versteht, wofür dieses kleine Gerät im Ohr überhaupt notwendig ist.

Dann hilft der Satz „Du musst dein Hörgerät tragen“ nur begrenzt.

Es muss geklärt werden, warum es nicht getragen wird.

Passt es nicht mehr? Drückt es? Funktioniert es überhaupt? Ist der Akku leer? Kann der Betroffene es selbst bedienen? Oder wird seine Unterstützung inzwischen stärker benötigt als noch bei der ursprünglichen Anpassung?

Das sind praktische Fragen – aber genau aus solchen praktischen Fragen besteht Pflege.

Manchmal ist es tatsächlich nur Ohrenschmalz

Nicht jede Verschlechterung des Hörens bedeutet automatisch eine fortschreitende altersbedingte Schwerhörigkeit. Auch ein Pfropf aus Ohrenschmalz kann den Gehörgang verschließen und das Hörvermögen deutlich beeinträchtigen.

Gerade bei Hörgeräteträgern kann das eine Rolle spielen.

Trotzdem sollte man nicht versuchen, das Problem mit Wattestäbchen oder anderen Gegenständen selbst zu lösen. Wer damit im Gehörgang arbeitet, kann Ohrenschmalz weiter hineinschieben oder Verletzungen verursachen.

Auch vermeintlich einfache Mittel aus der Apotheke sind nicht für jede Situation geeignet. Bei Ohrenschmerzen, Ausfluss aus dem Ohr, Verletzungen, einem bekannten Trommelfellproblem oder anderen Auffälligkeiten gehört die Situation ärztlich beurteilt. In der Apotheke können wir einschätzen, wann ein Mittel zur Aufweichung von Ohrenschmalz infrage kommen kann und wann von Selbstbehandlung abzuraten ist.

Gerade wenn das Hören plötzlich deutlich schlechter wird, sollte ohnehin genauer hingesehen werden. Ein plötzlicher Hörverlust ist etwas anderes als eine über Jahre zunehmende Schwerhörigkeit und gehört zeitnah medizinisch abgeklärt.

Schwerhörig bedeutet nicht begriffsstutzig

Vielleicht ist das einer der wichtigsten Punkte für Angehörige.

Menschen beginnen bei Schwerhörigkeit häufig automatisch, anders zu sprechen. Sie werden nicht nur lauter, sondern auch langsamer und vereinfachen ihre Sprache. Irgendwann klingt das Gespräch mit dem 85-jährigen Vater beinahe so, als würde mit einem kleinen Kind gesprochen.

Das ist selten böse gemeint.

Für den Betroffenen kann es trotzdem entwürdigend sein.

Ein Mensch, der schlecht hört, hat dadurch nicht automatisch weniger verstanden vom Leben. Er benötigt zunächst bessere akustische Bedingungen.

Gehen Sie deshalb näher heran. Stellen Sie Blickkontakt her, bevor Sie sprechen. Reden Sie deutlich, aber nicht übertrieben. Hintergrundgeräusche wie Fernseher oder Radio können ausgeschaltet werden. Und wenn ein Satz nicht verstanden wurde, hilft es manchmal mehr, ihn anders zu formulieren, als exakt dieselben Worte immer lauter zu wiederholen.

Vor allem sollten Gespräche weiterhin mit dem Betroffenen geführt werden und nicht nur über ihn.

Das wird besonders bei Arztbesuchen wichtig. Sobald ein Angehöriger schlecht hört, entsteht schnell eine merkwürdige Situation: Der Arzt stellt eine Frage, die Tochter beantwortet sie und der Patient sitzt daneben.

Manchmal ist Unterstützung notwendig. Trotzdem sollte der Betroffene so lange und so weit wie möglich selbst einbezogen bleiben.

Pflegebedürftigkeit nimmt einem Menschen nicht das Recht, Gesprächspartner zu sein.

Und plötzlich wirkt die Demenz viel schlimmer

Besonders aufmerksam sollte man werden, wenn Schwerhörigkeit und kognitive Einschränkungen zusammentreffen.

Stellen Sie sich vor, ein Mensch mit beginnender Demenz versteht ohnehin komplexe Situationen schlechter. Gleichzeitig hört er nur einen Teil dessen, was ihm erklärt wird. Er befindet sich vielleicht zusätzlich in einer ungewohnten Umgebung wie einem Krankenhaus.

Jemand kommt ins Zimmer und sagt etwas, das er akustisch kaum versteht. Anschließend wird von ihm erwartet, dass er eine Anweisung befolgt.

Dass daraus Unsicherheit entstehen kann, überrascht eigentlich nicht.

Deshalb gehören Brille und Hörgerät bei älteren Menschen nicht in die Kategorie „nettes Zubehör“. Sie sind wichtige Hilfsmittel zur Orientierung und Kommunikation. Gerade nach unserem letzten Thema über akute Verwirrtheit wird deutlich, wie eng solche Dinge miteinander verbunden sein können.

Wer seine Umgebung schlechter wahrnimmt, hat es schwerer, sie richtig einzuordnen.

Das bedeutet nicht, dass eine Hörhilfe eine Demenz behandelt. Aber es bedeutet, dass man einem Menschen die bestmöglichen Voraussetzungen geben sollte, seine vorhandenen Fähigkeiten auch nutzen zu können.

Auch Medikamente sollten verstanden werden – nicht nur sortiert

In unseren Apotheken erleben wir immer wieder, wie schnell eine Arzneimitteltherapie kompliziert werden kann. Gerade bei älteren Patienten kommen unterschiedliche Tabletten, verschiedene Einnahmezeitpunkte und Änderungen nach Arzt- oder Krankenhausbesuchen zusammen.

Eine patientenindividuelle Verblisterung kann bei geeigneten Patienten dabei helfen, die regelmäßige Dauermedikation übersichtlich nach Einnahmezeitpunkten zu organisieren.

Aber auch der beste Blister beantwortet nicht jede Frage.

Der Patient muss beispielsweise wissen, warum bestimmte Medikamente zusätzlich bei Bedarf eingenommen werden, welche Arzneimittel nicht im Blister enthalten sind oder was nach einer Therapieänderung geschieht. Angehörige müssen verstehen, welche Besonderheiten zu beachten sind.

Wenn ein Mensch schlecht hört, sollte deshalb auch die pharmazeutische Beratung daran angepasst werden. Wichtige Informationen können schriftlich ergänzt werden, Rückfragen sollten ausdrücklich ermöglicht werden und der Betroffene sollte nicht aus dem Gespräch verschwinden, nur weil ein Angehöriger danebensteht.

Denn Arzneimittelsicherheit beginnt nicht erst bei der richtigen Tablette.

Sie beginnt damit, dass der Mensch verstanden hat, was mit seiner Therapie geschieht.

Vielleicht ignoriert er Sie gar nicht

Das ist die Perspektive, die Angehörigen manchmal am meisten hilft.

Wenn Ihr Vater zum dritten Mal nicht reagiert, obwohl Sie ihn gerufen haben, macht er das möglicherweise nicht absichtlich.

Wenn Ihre Mutter beim Familienessen kaum noch spricht, hat sie vielleicht nicht das Interesse an ihren Enkeln verloren.

Und wenn ein pflegebedürftiger Mensch auf eine Frage scheinbar vollkommen unpassend antwortet, muss das nicht automatisch bedeuten, dass seine geistigen Fähigkeiten plötzlich erheblich schlechter geworden sind.

Vielleicht hat er die Frage schlicht nicht verstanden.

Pflege bedeutet häufig, Verhalten neu lesen zu lernen. Hinter einem Rückzug kann Schmerz stecken. Hinter Unruhe eine körperliche Erkrankung. Hinter der Weigerung zu essen eine Schluckstörung.

Und hinter einem scheinbaren „Nicht-Verstehen“ manchmal einfach ein Ohr, das die Worte nicht mehr vollständig erreicht.

Deshalb lohnt sich bei Veränderungen eine erstaunlich einfache Frage:

„Kann er mich eigentlich noch gut hören?“

Sie beantwortet nicht jedes Problem.

Aber manchmal verändert die Antwort den gesamten Umgang miteinander.