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„MAMA IST HEUTE VÖLLIG DURCHEINANDER.“ – WARUM PLÖTZLICHE VERWIRRTHEIT NICHT EINFACH DEMENZ SEIN MUSS

Gestern wusste Ihre Mutter noch genau, wer Sie sind. Heute fragt sie, wann ihr längst verstorbener Mann nach Hause kommt. Sie weiß nicht, welcher Tag ist, möchte plötzlich die Wohnung verlassen und behauptet, sie müsse zur Arbeit. Wenige Stunden später wirkt sie wieder fast wie immer.

Vielleicht denken Sie im ersten Moment: Jetzt wird die Demenz schlimmer.

Das kann naheliegen – besonders dann, wenn bereits eine Demenzerkrankung bekannt ist. Trotzdem gibt es einen entscheidenden Unterschied, den Angehörige kennen sollten. Eine Demenz entwickelt sich normalerweise nicht innerhalb weniger Stunden. Wenn ein älterer Mensch plötzlich erheblich verwirrter ist als sonst, sich sein Verhalten innerhalb kurzer Zeit deutlich verändert oder seine geistigen Fähigkeiten ungewöhnlich stark schwanken, kann etwas anderes dahinterstecken: ein Delir.

Und ein Delir ist keine Befindlichkeitsstörung, die man erst einmal einige Tage beobachten sollte. Es kann Ausdruck einer akuten körperlichen Erkrankung oder anderer Auslöser sein und muss medizinisch ernst genommen werden.

Gerade Angehörige spielen dabei eine wichtige Rolle. Denn Sie kennen den Menschen nicht erst seit zehn Minuten aus einem Untersuchungszimmer. Sie wissen, wie Ihr Vater normalerweise spricht, wie Ihre Mutter sich orientiert und welche Verhaltensweisen für sie ungewöhnlich sind.

Der Satz „Meine Mutter ist heute anders als sonst“ kann deshalb medizinisch ausgesprochen wertvoll sein.

Der Unterschied liegt häufig in der Geschwindigkeit

Eine Demenz verändert einen Menschen meistens langsam. Vielleicht fällt zunächst auf, dass Termine vergessen werden. Später werden dieselben Fragen mehrfach gestellt, das Einkaufen fällt schwerer oder die Orientierung lässt nach. Diese Entwicklung kann sich über Monate und Jahre erstrecken.

Ein Delir verhält sich anders.

Die Veränderung kann innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen auftreten. Besonders typisch ist, dass der Zustand schwankt. Am Vormittag führt der Betroffene vielleicht ein nahezu normales Gespräch, am Nachmittag erkennt er seine Umgebung nicht mehr und am Abend versucht er aufzustehen, obwohl er kaum laufen kann.

Für Angehörige ist genau das verwirrend.

Wenn Vater um zehn Uhr wieder vollkommen klar erscheint, entsteht schnell der Eindruck, das Problem habe sich erledigt. Wenige Stunden später ist die Verwirrtheit erneut da.

Gerade dieses Auf und Ab kann jedoch ein wichtiger Hinweis sein.

Hinzu kommt, dass ein Delir nicht immer so aussieht, wie man sich einen akut verwirrten Menschen vorstellt. Manche Betroffene sind tatsächlich auffällig unruhig. Sie ziehen an ihrer Kleidung, wollen aufstehen, laufen umher, wirken ängstlich oder erzählen Dinge, die mit der aktuellen Situation wenig zu tun haben.

Andere werden dagegen ungewöhnlich still.

Sie liegen im Bett, wirken schläfrig, antworten kaum und nehmen wenig Anteil an ihrer Umgebung. Für Angehörige kann diese Form wesentlich schwerer zu erkennen sein, weil niemand laut oder auffällig wird.

Deshalb sollte nicht nur Unruhe aufmerksam machen. Auch ein plötzlich ungewöhnlich stiller, schläfriger oder kaum ansprechbarer älterer Mensch kann medizinische Hilfe benötigen.

Hinter der Verwirrtheit kann etwas Körperliches stecken

Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieses Artikels: Ein plötzlich verwirrter Mensch ist nicht automatisch „psychisch durcheinander“.

Der Körper kann der Auslöser sein.

Infektionen gehören zu den möglichen Ursachen. Ebenso können beispielsweise Flüssigkeitsmangel, Stoffwechselentgleisungen, Sauerstoffmangel, Operationen, akute Erkrankungen oder Veränderungen der Arzneimitteltherapie eine Rolle spielen. Häufig kommen bei älteren Menschen sogar mehrere Faktoren zusammen.

Damit schließt sich ein Kreis zu vielen Themen, über die wir in „Plötzlich Pflege“ bereits gesprochen haben.

Ihre Mutter trinkt seit Tagen kaum noch.

Ihr Vater hat starke Schmerzen.

Nach einem Krankenhausaufenthalt wurden mehrere Medikamente verändert.

Eine Infektion kommt hinzu.

Der Schlaf-Wach-Rhythmus ist vollkommen durcheinander.

Für sich genommen erscheint manches davon zunächst vielleicht überschaubar. Bei einem gebrechlichen älteren Menschen können solche Belastungen jedoch erhebliche Auswirkungen haben.

Besonders anfällig sind Menschen, die bereits an einer Demenz leiden. Genau das macht die Situation so tückisch: Ausgerechnet bei ihnen kann ein zusätzlich auftretendes Delir leicht übersehen werden, weil jede neue Verwirrtheit der bekannten Demenz zugeschrieben wird.

„Das ist halt die Demenz“ darf deshalb nicht zur automatischen Erklärung für jede plötzliche Veränderung werden.

Angehörige kennen den Ausgangszustand

Stellen Sie sich vor, Ihre Mutter kommt in die Notaufnahme. Dort erlebt ein Arzt eine 84-jährige Frau, die nicht weiß, welcher Wochentag ist und Schwierigkeiten hat, Fragen zu beantworten.

Für den Arzt ist zunächst schwer einzuschätzen, was davon neu ist.

Sie wissen es.

Sie können sagen: „Meine Mutter verwechselt seit längerem manchmal die Wochentage. Aber gestern konnte sie sich noch normal mit mir unterhalten. Seit heute Morgen erkennt sie ihre eigene Wohnung nicht mehr.“

Das ist eine völlig andere Information.

Deshalb sollten Angehörige bei einer akuten Veränderung möglichst konkret beschreiben, was anders ist. Seit wann besteht die Veränderung? Kam sie plötzlich oder allmählich? Schwankt der Zustand im Laufe des Tages? Gibt es Fieber, Schmerzen, Husten, Probleme beim Wasserlassen, Verstopfung oder andere neue Beschwerden? Wurde kürzlich ein Medikament neu angesetzt, abgesetzt oder in der Dosierung verändert? Gab es einen Sturz? Wurde in den vergangenen Tagen ausreichend gegessen und getrunken?

Sie müssen daraus keine Diagnose ableiten.

Ihre Aufgabe ist eine andere: Erzählen Sie, was Sie beobachtet haben.

Auch die Medikamententasche kann eine Geschichte erzählen

Gerade bei einem Delirverdacht gehört die Medikation mit auf den Tisch. Bei älteren Menschen kommen häufig mehrere Arzneimittel zusammen, und nach Krankenhausaufenthalten oder Facharztbesuchen kann sich die Therapie verändern. Ein neues Präparat kommt hinzu, ein anderes wird höher dosiert und manchmal existieren zu Hause noch ältere Packungen, obwohl der Medikationsplan längst geändert wurde.

Deshalb ist ein aktueller und vollständiger Medikationsplan im Pflegealltag so wichtig.

Wenn plötzlich Verwirrtheit auftritt, sollten Sie nicht eigenmächtig Medikamente absetzen. Nehmen Sie stattdessen den Medikationsplan beziehungsweise die vorhandenen Arzneimittel zur medizinischen Abklärung mit. Denken Sie dabei auch an Medikamente, die nur bei Bedarf eingenommen werden, und an Präparate, die ohne Rezept gekauft wurden.

Auch wir in der Apotheke können helfen, eine umfangreiche Medikation übersichtlicher zu machen und Veränderungen nachzuvollziehen. Gerade wenn mehrere Ärzte beteiligt sind, lohnt sich immer wieder der Blick auf das Gesamtbild. Bei geeigneten Patienten kann die patientenindividuelle Verblisterung zusätzlich dazu beitragen, die regelmäßige Dauermedikation eindeutig nach Einnahmezeitpunkten zu organisieren.

Aber auch hier gilt eine wichtige Grenze: Wenn ein Mensch plötzlich stark verwirrt ist, ist eine bessere Medikamentenorganisation nicht die Behandlung des Problems.

Die Ursache muss gefunden werden.

Das Krankenhaus selbst kann zum Problem werden

Manchmal tritt die Verwirrtheit ausgerechnet dort auf, wo der ältere Mensch eigentlich behandelt werden soll.

Im Krankenhaus.

Das ist nicht überraschend. Für einen jungen Menschen ist ein Krankenhauszimmer vielleicht einfach ein fremder Raum. Für einen hochbetagten Menschen mit eingeschränkter Orientierung kann nahezu alles anders sein: das Bett, die Geräusche auf dem Flur, die Menschen, die Beleuchtung, die Essenszeiten und der nächtliche Schlaf.

Hinzu kommen möglicherweise eine Operation, Schmerzen, Medikamente und die Erkrankung, wegen der der Patient überhaupt ins Krankenhaus gekommen ist.

Angehörige können in dieser Situation etwas beitragen, das kein medizinisches Gerät ersetzen kann: Vertrautheit.

Die eigene Brille und das Hörgerät sind beispielsweise keine Nebensächlichkeiten. Wer schlecht sieht und kaum versteht, was um ihn herum gesprochen wird, kann eine ohnehin fremde Umgebung noch schlechter einordnen. Vertraute Gegenstände, bekannte Stimmen und ruhige Orientierung können ebenfalls helfen.

„Du bist im Krankenhaus. Du bist gestern operiert worden. Ich bin Matthias. Ich bleibe noch ein bisschen bei dir.“

Für einen verwirrten Menschen kann ein solcher Satz mehr bedeuten als eine lange Erklärung darüber, warum seine Wahrnehmung gerade nicht stimmt.

Nicht über die Wirklichkeit streiten

Wenn ein verwirrter Mensch überzeugt ist, dass er nach Hause zu seinen Eltern müsse, obwohl diese seit Jahrzehnten verstorben sind, entsteht für Angehörige ein verständlicher Reflex:

„Das stimmt doch überhaupt nicht.“

Dann beginnt die Diskussion.

Der Betroffene wird korrigiert, widerspricht, wird vielleicht ängstlich oder wütend – und niemand gewinnt.

In einer akuten Verwirrtheit hilft es häufig wenig, einen Menschen mit langen logischen Argumentationen von seiner Wahrnehmung überzeugen zu wollen. Sicherheit und Orientierung sind wichtiger. Sprechen Sie ruhig, stellen Sie sich gegebenenfalls erneut vor, erklären Sie mit einfachen Worten, wo der Betroffene ist und was gerade geschieht.

Und nehmen Sie Angst ernst, auch wenn der Grund für diese Angst aus Ihrer Perspektive nicht real ist.

Wer glaubt, sich an einem fremden Ort zu befinden und nicht versteht, warum er dort festgehalten wird, hat tatsächlich Angst. Diese Angst verschwindet nicht dadurch, dass jemand sagt: „Jetzt stell dich nicht so an.“

Wann Sie nicht abwarten sollten

Wenn ein älterer Mensch plötzlich deutlich verwirrt ist, sich sein Bewusstsein verändert oder er innerhalb kurzer Zeit erheblich anders wirkt als sonst, sollte das medizinisch abgeklärt werden. Das gilt auch bei bereits bestehender Demenz.

Je nach Ausprägung und Begleitsymptomen kann eine dringende oder notfallmäßige Abklärung notwendig sein. Bei ausgeprägter Bewusstseinsstörung oder anderen akuten Warnzeichen sollte entsprechend sofort medizinische Hilfe organisiert werden.

Warten Sie nicht mehrere Tage darauf, ob „Oma wieder normal wird“.

Denn hinter der Verwirrtheit kann eine behandelbare körperliche Ursache stecken. Und je eher diese erkannt wird, desto eher kann gezielt gehandelt werden.

„Aber gestern war er doch noch ganz normal“

Dieser Satz fällt bei akuten Erkrankungen älterer Menschen erstaunlich häufig.

Und genau deshalb ist er so wichtig.

Wenn Sie Ihren Vater gestern noch kannten, wie Sie ihn seit Jahren kennen, und heute sitzt plötzlich ein vollkommen veränderter Mensch vor Ihnen, dann ist die Geschwindigkeit dieser Veränderung selbst eine wichtige Information.

Pflege bedeutet auch, Entwicklungen einordnen zu lernen. Eine Demenz kann dazu führen, dass ein Mensch zunehmend Unterstützung benötigt. Aber nicht jede Verschlechterung gehört automatisch zur Demenz. Nicht jede Unruhe ist ein psychisches Problem. Nicht jede Schläfrigkeit bedeutet, dass jemand einfach müde ist.

Manchmal versucht ein alter Körper auf eine Erkrankung aufmerksam zu machen – und Verwirrtheit ist eines der wenigen Signale, die er noch deutlich senden kann.

Deshalb sollten Angehörige einen Satz besonders ernst nehmen, wenn sie ihn selbst aussprechen:

„So kenne ich ihn überhaupt nicht.“

Sie müssen dann nicht wissen, was die Ursache ist.

Sie müssen nur erkennen, dass etwas anders ist.

Den Rest sollten Sie nicht allein herausfinden müssen.