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„SEIT TAGEN NICHT MEHR AUF DER TOILETTE“ – WARUM VERSTOPFUNG IN DER PFLEGE MEHR ALS EINE NEBENSACHE IST

Über Blutdruck wird gesprochen. Über Diabetes auch. Selbst über Inkontinenz sprechen Angehörige irgendwann, wenn es notwendig wird. Beim Stuhlgang sieht das häufig anders aus. Die Frage, wann Vater oder Mutter zuletzt auf der Toilette war, gehört zu jenen Dingen, über die innerhalb einer Familie nicht unbedingt gesprochen wurde – und eigentlich möchte man daran auch nichts ändern.

Mit Pflegebedürftigkeit verschieben sich solche Grenzen. Plötzlich muss jemand wissen, ob der Angehörige ausreichend getrunken hat, ob er Wasser lassen konnte und eben auch, wann der letzte Stuhlgang war. Das kann für beide Seiten unangenehm sein. Trotzdem lohnt es sich, das Thema ernst zu nehmen. Denn eine Verstopfung ist bei älteren und pflegebedürftigen Menschen keineswegs nur lästig. Sie kann Schmerzen verursachen, den Appetit verderben, zu Unruhe führen und bei ausgeprägtem Verlauf erhebliche gesundheitliche Probleme verursachen.

Dabei beginnt eine Verstopfung nicht automatisch, sobald an einem Tag kein Stuhlgang stattgefunden hat. Menschen haben sehr unterschiedliche Gewohnheiten. Manche gehen täglich zur Toilette, andere nur alle zwei oder drei Tage. Entscheidend ist deshalb weniger, ob ein bestimmter Rhythmus eingehalten wird, sondern ob sich etwas verändert. Wenn jemand normalerweise jeden Morgen zur Toilette geht und plötzlich mehrere Tage keinen Stuhlgang mehr hat, gleichzeitig über einen aufgeblähten Bauch klagt und stark pressen muss, ist das eine andere Situation als bei einem Menschen, für den längere Abstände schon immer normal waren.

Gerade bei Pflegebedürftigen lässt sich die Ursache häufig nicht auf einen einzigen Punkt reduzieren. Ein Mensch bewegt sich nach einem Krankenhausaufenthalt weniger, trinkt vielleicht ohnehin zu wenig und isst kleinere Portionen. Der Weg zur Toilette ist beschwerlich geworden. Vielleicht muss er warten, bis jemand beim Aufstehen hilft. Und wenn dann endlich jemand Zeit hat, ist der ursprüngliche Stuhldrang längst verschwunden.

Aus vielen kleinen Veränderungen entsteht ein Problem.

Wenn die Toilette plötzlich zur Herausforderung wird

Ein Aspekt wird leicht übersehen: Für einen pflegebedürftigen Menschen kann bereits der Toilettengang selbst anstrengend sein. Wer Schmerzen beim Aufstehen hat, unsicher läuft oder Angst vor einem Sturz hat, geht möglicherweise erst dann zur Toilette, wenn es unbedingt notwendig ist. Andere Menschen möchten niemanden um Hilfe bitten und unterdrücken deshalb den Stuhldrang.

Auch die Umgebung spielt eine Rolle. Ist die Toilette leicht erreichbar? Kann sich der Betroffene sicher hinsetzen und wieder aufstehen? Gibt es bei Bedarf Haltegriffe? Sind Kleidung und Inkontinenzmaterial so gestaltet, dass sie rechtzeitig geöffnet werden können?

Manchmal wird versucht, ein Darmproblem ausschließlich mit Ernährung zu lösen, obwohl das eigentliche Problem drei Meter vor der Toilette beginnt.

Das zeigt, wie wichtig es ist, Pflege nicht in einzelne Körperfunktionen zu zerlegen. Bewegung, Ernährung, Flüssigkeitsversorgung, Medikamente und Selbstständigkeit hängen zusammen.

Auch unser bereits angesprochenes Thema Trinken spielt hier eine Rolle. Der Dickdarm entzieht seinem Inhalt Wasser. Bleibt der Stuhl lange im Darm, wird er zunehmend härter. Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr kann deshalb wichtig sein. Allerdings gelten auch hier keine pauschalen Trinkregeln für jeden Menschen. Bei bestimmten Herz- oder Nierenerkrankungen können individuelle Vorgaben bestehen, die berücksichtigt werden müssen.

Ähnlich verhält es sich mit Ballaststoffen. Gemüse, Obst und Vollkornprodukte können eine normale Darmfunktion unterstützen. Wer jedoch plötzlich große Mengen zusätzlicher Quellstoffe verwendet, gleichzeitig aber kaum trinkt, hat damit nicht automatisch etwas Gutes getan. Gerade im Pflegealltag sollte deshalb nicht nach dem Prinzip „viel hilft viel“ gehandelt werden.

Und schließlich bleibt die Bewegung. Niemand erwartet von einem pflegebedürftigen Menschen ein Sportprogramm. Aber auch kleine Bewegungen können einen Unterschied machen. Wenn es gesundheitlich möglich ist, kann bereits regelmäßiges Aufstehen, ein kurzer Gang durch die Wohnung oder ein kleiner Spaziergang mehr bewirken als dauerhafte Immobilität.

Der Medikamentenplan gehört bei Verstopfung mit auf den Tisch

Gerade hier wird das Thema besonders interessant für die Apotheke. Denn Verstopfung kann auch durch Arzneimittel begünstigt werden. Zu den möglichen Auslösern gehören beispielsweise opioidhaltige Schmerzmittel, Eisenpräparate und verschiedene weitere Arzneimittelgruppen.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass ein wichtiges Medikament wegen einer Verstopfung eigenmächtig abgesetzt werden sollte. Gerade bei starken Schmerzmitteln wäre das unter Umständen eine sehr schlechte Idee. Es bedeutet vielmehr, dass eine neu auftretende Verstopfung immer auch Anlass sein kann, einen Blick auf die gesamte Medikation zu werfen.

Eine einfache Frage kann dabei überraschend hilfreich sein:

„Seit wann besteht das Problem – und was hat sich ungefähr zu diesem Zeitpunkt verändert?“

Vielleicht wurde nach einem Krankenhausaufenthalt ein neues Medikament angesetzt. Vielleicht wurde die Dosis eines Schmerzmittels erhöht. Vielleicht nimmt der Patient seit einigen Wochen ein Eisenpräparat. Oder es wurde gar nichts an den Medikamenten verändert, dafür bewegt sich der Betroffene seit einem Sturz kaum noch.

Genau deshalb lohnt es sich, den aktuellen Medikationsplan in die Apotheke mitzunehmen und nicht nur nach „irgendetwas gegen Verstopfung“ zu fragen. Wir können gemeinsam betrachten, welche Arzneimittel eingenommen werden, ob ein Zusammenhang denkbar ist und welche Maßnahmen beziehungsweise Präparate zur individuellen Situation passen könnten. Bei einer umfangreichen Dauermedikation kann zusätzlich eine patientenindividuelle Verblisterung helfen, die regelmäßige Einnahme zu strukturieren. Auch sie löst natürlich keine Verstopfung – aber sie schafft Übersicht über die Therapie und erleichtert es Angehörigen, Veränderungen nachvollziehen zu können.

Abführmittel sind nicht grundsätzlich etwas Schlechtes

Rund um Abführmittel existieren viele Vorstellungen, die Angehörige verunsichern. Manche möchten sie möglichst grundsätzlich vermeiden, andere greifen sehr schnell zu einem Präparat, das irgendwann einmal geholfen hat.

Beides ist wenig sinnvoll.

Es stehen unterschiedliche Wirkstoffgruppen zur Verfügung, die auf unterschiedliche Weise wirken. Beispielsweise werden Macrogol oder Lactulose eingesetzt, um Wasser im Darm zu binden beziehungsweise den Stuhl weicher zu machen. Andere Wirkstoffe regen die Darmtätigkeit stärker an. Welches Präparat geeignet ist, hängt unter anderem von der Ursache, den Begleiterkrankungen, der übrigen Medikation und der Dauer der Beschwerden ab.

Gerade bei pflegebedürftigen Menschen lohnt sich deshalb die Beratung. Das gilt besonders dann, wenn bereits viele Arzneimittel eingenommen werden.

Und manchmal gehört ein Abführmittel sogar von Anfang an in ein Behandlungskonzept. Ein klassisches Beispiel ist die Therapie mit bestimmten starken Schmerzmitteln. Dann sollte die mögliche Verstopfung nicht erst berücksichtigt werden, wenn der Betroffene seit mehreren Tagen erhebliche Beschwerden hat.

Bei Menschen mit Demenz müssen Angehörige anders hinschauen

Besonders schwierig kann es werden, wenn der Betroffene Beschwerden nicht mehr zuverlässig beschreiben kann. Ein Mensch mit fortgeschrittener Demenz sagt möglicherweise nicht: „Ich habe seit vier Tagen Verstopfung und Bauchschmerzen.“

Er wird stattdessen unruhig.

Er möchte nicht essen.

Er schläft schlechter.

Er wirkt gereizt oder fasst sich immer wieder an den Bauch.

Solche Veränderungen können viele Ursachen haben. Genau das macht die Situation so schwierig. Aber Verdauungsprobleme gehören zu den Möglichkeiten, an die Angehörige und Pflegekräfte denken sollten.

Nicht jede Unruhe ist automatisch „die Demenz“.

Dieser Satz ist für den gesamten Pflegealltag wichtig. Wenn sich ein Mensch plötzlich anders verhält, lohnt sich immer die Frage, ob eine körperliche Ursache dahinterstecken könnte.

Wann aus einem unangenehmen Thema ein medizinisches wird

Eine gelegentliche Verstopfung lässt sich häufig gut behandeln. Trotzdem gibt es Situationen, in denen nicht über Tage mit verschiedenen Hausmitteln experimentiert werden sollte.

Neu auftretende starke Beschwerden, erhebliche Bauchschmerzen, Erbrechen, Blut im Stuhl oder andere deutliche Veränderungen gehören medizinisch abgeklärt. Auch ein ungewollter Gewichtsverlust zusammen mit veränderten Stuhlgewohnheiten sollte ernst genommen werden.

Bei älteren Menschen kann eine ausgeprägte Verstopfung außerdem dazu führen, dass sich sehr harte Stuhlmassen ansammeln. Paradoxerweise kann dann sogar dünnflüssiger Stuhl auftreten, der an diesen Massen vorbeiläuft. Angehörige könnten das zunächst für Durchfall halten, obwohl das eigentliche Problem genau das Gegenteil ist.

Deshalb gilt auch hier: Wenn etwas ungewöhnlich erscheint oder die üblichen Maßnahmen nicht helfen, sollte die Ursache geklärt werden.

Pflege bedeutet manchmal, unangenehme Fragen zu stellen

Vielleicht ist das die eigentliche Schwierigkeit dieses Themas.

Die Tochter möchte ihren 82-jährigen Vater nicht jeden Abend fragen, ob er Stuhlgang hatte. Und der Vater möchte seiner Tochter diese Frage vermutlich ebenso wenig beantworten.

Das ist verständlich.

Pflege darf einem Menschen nicht unnötig seine Intimsphäre nehmen. Aber sie muss Veränderungen erkennen können, bevor daraus größere Probleme entstehen.

Deshalb braucht es einen vernünftigen Mittelweg. Nicht jeder Toilettengang muss dokumentiert werden. Wenn jedoch bereits Probleme bestehen, Medikamente mit entsprechendem Nebenwirkungsprofil eingenommen werden oder ein Angehöriger seine Beschwerden nicht mehr selbst zuverlässig mitteilen kann, kann es sinnvoll sein, genauer hinzusehen.

Dabei sollte man eines nie vergessen: Auch ein pflegebedürftiger Mensch bleibt ein erwachsener Mensch. Fragen zur Verdauung sollten genauso respektvoll gestellt werden wie Fragen zu Schmerzen, Medikamenten oder Körperpflege.

Vielleicht klingt die Frage deshalb nicht:

„Warst du heute endlich auf Toilette?“

Sondern:

„Funktioniert mit der Verdauung im Moment alles wie gewohnt?“

Es ist fast dieselbe Frage.

Und trotzdem kann sie sich für den Menschen, dem wir helfen möchten, vollkommen anders anfühlen.