„ER SAGT, ER HAT KEINE SCHMERZEN.“ – WENN ANGEHÖRIGE TROTZDEM GENAUER HINSEHEN SOLLTEN
„Tut dir etwas weh?“
„Nein.“
Damit scheint die Sache zunächst geklärt. Der Vater hat keine Schmerzen, die Mutter ebenfalls nicht. Und trotzdem bewegt er sich seit einigen Tagen anders. Sie vermeidet plötzlich das Aufstehen. Beim Anziehen wird sie ungehalten, nachts schläft sie schlechter und beim Hinsetzen verzieht sie für einen Moment das Gesicht.
Gerade im Pflegealltag ist Schmerz nicht immer so eindeutig, wie wir es uns wünschen würden. Viele ältere Menschen sprechen Beschwerden nicht von sich aus an. Manche möchten nicht „jammern“, andere halten Schmerzen im Alter für normal. Wieder andere können aufgrund einer Demenz, eines Schlaganfalls oder anderer Erkrankungen nicht mehr zuverlässig beschreiben, was sie empfinden.
Für Angehörige entsteht daraus eine schwierige Aufgabe: Sie sollen etwas erkennen, das sie selbst nicht fühlen können.
Dabei geht es keineswegs darum, hinter jeder Verhaltensänderung sofort Schmerzen zu vermuten. Viel wichtiger ist, Veränderungen wahrzunehmen und sich nicht ausschließlich auf die Antwort auf eine einzige Frage zu verlassen.
Schmerzen verändern manchmal den ganzen Menschen
Wer sich selbst einmal mit Rückenschmerzen aus dem Bett gequält oder mit Zahnschmerzen eine Nacht kaum geschlafen hat, weiß, dass Schmerz weit mehr beeinflusst als die schmerzende Körperstelle. Wir schlafen schlechter, bewegen uns vorsichtiger, verlieren möglicherweise den Appetit und reagieren gereizter.
Bei einem pflegebedürftigen Menschen ist das nicht anders.
Nur wird das Verhalten manchmal anders interpretiert.
Der Vater möchte plötzlich nicht mehr spazieren gehen. Vielleicht wird angenommen, dass seine Kräfte nachlassen. Die Mutter wehrt sich beim Waschen. Vielleicht heißt es, ihre Demenz werde schlimmer. Ein Bewohner wird nachts immer wieder unruhig. Schnell fällt der Begriff „Schlafstörung“.
All das kann zutreffen.
Es kann aber auch wehtun.
Besonders bei Menschen, die ihre Beschwerden nicht mehr klar äußern können, lohnt sich deshalb die Beobachtung. Verzieht der Betroffene beim Aufstehen das Gesicht? Schützt er einen Arm oder ein Bein? Bewegt er sich anders als sonst? Stöhnt er bei bestimmten Bewegungen? Isst er plötzlich schlechter? Wird die Körperpflege an einer bestimmten Stelle abgewehrt?
Oft ist nicht ein einzelnes Zeichen entscheidend, sondern die Veränderung gegenüber dem gewohnten Verhalten.
Wenn Ihre Mutter seit Jahren beim Anziehen Hilfe benötigt und dabei immer ruhig war, seit drei Tagen aber jedes Mal den Arm wegzieht, sobald Sie ihr die Bluse anziehen möchten, verdient genau diese Veränderung Aufmerksamkeit.
Vielleicht ist es nicht „schlechte Laune“.
Vielleicht schmerzt die Schulter.
„Das ist eben das Alter“ ist keine Diagnose
Schmerzen treten im höheren Lebensalter häufig auf. Arthrose, Rückenerkrankungen, Osteoporose, Verletzungen nach Stürzen und zahlreiche andere Erkrankungen können Beschwerden verursachen. Trotzdem sollten Schmerzen nicht automatisch als unvermeidlicher Bestandteil des Alterns akzeptiert werden.
Dieser Gedanke kann sogar dazu führen, dass Beschwerden zu lange nicht behandelt werden.
„Mit 85 tut einem eben etwas weh.“
Natürlich verändert sich der Körper. Aber zwischen gelegentlichen Beschwerden und Schmerzen, die einen Menschen daran hindern aufzustehen, zu schlafen, zu essen oder am Alltag teilzunehmen, besteht ein erheblicher Unterschied.
Unzureichend behandelte Schmerzen können eine Entwicklung in Gang setzen, die im Pflegealltag weitreichende Folgen hat. Wer Schmerzen bei